In schwerer See

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In schwerer See
Photo by Torsten Dederichs / Unsplash

… es war ein harter Abschluss einer nicht enden wollenden Woche … und der Start in die neue Woche zeigt sich alles andere als vielversprechend.

Der Nasdaq Composite trat am Freitag in einen Bärenmarkt ein und notierte rund 23% unter seinem Höchst. Befürchtungen über das umfassende neue Zollregime von Präsident Donald Trump lösten letzten Do und Fr einen Massenausverkauf aus. Unbekannt bleibt weiter, wie die Mehrheit der betroffenen Länder auf die Zölle reagieren wird.

Der S&P 500 gab am Freitag um etwa 6 % nach und verzeichnete damit den grössten Tagesrückgang seit 2020. Nur 14 Aktien im Index stiegen.

Negative Schlagzeilen ...

  • aus Washington – globale Zölle von 10%, insgesamt ist der Zollsatz für Importe in die USA auf dem höchsten Stand seit 100 Jahren
  • aus der Finanzindustrie: Ökonomen reduzieren ihre Wachstumsprognosen, Analysten kürzen die Unternehmensgewinne für 2025 und die Kursziele für Aktienindices und Strategen, wie J.P.Morgan, erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession auf 60% von 40% (Quelle: Barron’s)
  • vom US-Aktienmarkt. Die Kursentwicklung vom letzten Donnerstag und Freitag gehörten beide unter die 30. schlechtesten Börsentage seit 1954 (Quelle: Rosenberg Research)   

Finanzminister Scott Bessent hat schon früh angekündigt, dass er dieses Jahr drei Ziele verfolgt: Einen schwächeren Dollar, billigeres Öl und niedrigere Renditen  bei 10-jährigen US-Staatsanleihen. Es ist schwer vorstellbar, wie er dies ohne Rezession erreichen kann. Dollar runter, Öl runter, und die Zinsen bei den 10-Jährigen sind gefallen - bisher ist seine Mission auf Kurs, ob es uns gefällt oder nicht.

Geschätzte Investorin, geschätzter Investor

Ein junger, etwas verunsicherter Leser hat mich gefragt: „Wann ist dieser Bärenmarkt endlich vorbei?“
Hier meine (verkürzte) Antwort: Wir befinden uns nicht in einem echten Bärenmarkt. Zwar notieren einzelne Indices (z.B. Nasdaq, Russell 2000, DJ Transport, SOX, Nikkei225) mehr als 20% unter ihrem Höchststand, doch ein klassischer Bärenmarkt – mit echten, langfristigem Markttief wird in der Regel von einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Krise begleitet. Davon sind wir im Moment deutlich entfernt. 
Dennoch nehme ich die Frage zum Anlass, ein paar Gedanken aus dem lesenswerten Buch „Anatomy of the Bear“ von Russell Napier zu teilen (der Titel lässt sich sinngemäss mit „Die Struktur oder der Aufbau eines Bärenmarktes“ übersetzen).

Napier hat auf Basis von rund 70’000 Artikeln aus dem Wall Street Journal die vier grossen Markttiefs des 20. Jahrhunderts untersucht – konkret die Jahre 1921, 1932, 1949 und 1982 – und daraus spannende, zeitlose Erkenntnisse gezogen:

  • Bärenmärkte enden oft bei geringer Handelsaktivität – Desinteresse, Apathie statt Panik
  • Aktienmärkte reagieren nicht mehr auf schlechte Nachrichten (LOP: Diese Charakteristik finde ich ganz interessant und kann jederzeit auch bei der Kursbildung einzelner Unternehmen herangezogen werden)
  • Markterholungen beginnen oft vor einer Verbesserung der Unternehmensgewinne
  • Bärentiefs enden oft bei aussergewöhnlich niedrigen Bewertungskennzahlen, P/E bzw. KGV < 10x, Kurs-Buchwert < 1, Tobins’Q deutlich unter 1 (Kurswert der Aktie unter den Wiederaufbaukosten des Unternehmens)

Oder einfach verständlich: Wenn niemand mehr kaufen will, obwohl Aktien «billig» sind und Anleger resigniert haben – dann dürften Aktien nähe am Tief notieren


News aus den Finanzmedien 📰

  • die Märkte beruhigten sich kaum, als der Vorsitzende der Fed, Jerome Powell, in seiner Rede an der Jahreskonferenz der Society for Advancing Business Editing and Writing einen vorsichtigeren Ton anschlug, was die Zukunft der Wirtschaft angeht. Powell: "Es zeichnet sich nun ab, dass die Zollerhöhungen deutlich stärker ausfallen werden als erwartet. Das Gleiche dürfte für die wirtschaftlichen Auswirkungen gelten, zu denen eine höhere Inflation und ein langsameres Wachstum gehören werden" (Quelle: FT)
  • Edouard Carmignac, renommierter frz. Vermögensverwalter, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen: «Das, was wir gerade erleben, gleicht einer tektonischen Verschiebung. Amerika verabschiedet sich von seiner Führungsrolle in der Welt. Das hatte sich schon unter anderen Präsidenten angedeutet, aber Trump hat das Tempo verschärft. Wir sollten ihm dankbar sein. Das ist mein voller Ernst. Trump erweist uns Europäern einen Dienst. Er hat uns wachgerüttelt, etwas unsanft zwar, aber mit einer klaren Botschaft: Werdet endlich erwachsen, und kümmert euch um euch selbst!» (Quelle: FAZ)
  • Seit 1950 gab es 55 Kursrückgänge am US-Aktienmarkt von 10 Prozent oder mehr. Zwölf Monate nach diesen Korrekturen notierten die Aktien 49-mal höher. Von den Fällen, in denen es zu keiner Erholung kam, war im Umfeld von Rezessionen (Quelle: Trust Advisory Services, Barron’s) 
  • bei Präsident Trump steht nun nicht nur der bekannte Protektionismus im Zentrum, sondern auch eine breitere Entkoppelung von globalen Lieferketten, v.a. mit Blick auf China. Risiken: Höhere Preise, Produktivitätsverluste und Abkühlung des Wachstums mit Konsequenzen für Unternehmen, mit globalen Produktionsketten ausserhalb der USA – besonders aus der Tech-, Auto- und Konsumbranche (Quelle: The Economist)
  • welchen Rat gibt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Deutsche Bank, Sparern und ETF-Anlegern? «Ruhe bewahren, ich weiss, das ist nicht einfach. Dank meines fortgeschrittenen Alters habe ich aber schon mehrere Crashs gesehen. Sie waren immer eine Kaufgelegenheit, wenn man einen längeren Anlagehorizont hat, was bei Aktienanlagen bekanntlich immer der Fall sein sollte. Aktien sind deutlich preiswerter geworden. Das KGV (12-Mte forward EPS) europäischer Aktien liegt unter dem Durchschnitt der vergangenen 10 Jahre, jenes von amerikanischen Aktien noch etwas darüber» (Quelle: FAZ)
  • Auszug aus Larry Fink’s Jahresbrief: Fink empfiehlt das «60% Aktien/40% Obligationen-Portfolio» in ein «50% /30% + 20% alternative Anlagen-Portfolio», (wie Infrastruktur, bietet Inflationsschutz) anzupassen. Diese Struktur könnte stabilere Erträge liefern. Er empfiehlt jungen Menschen frühzeitig mit Sparen für den Ruhestand zu beginnen und in Jahrzehnten, nicht in Jahren zu denken (Quelle: BlackRock)
  • Mark Malek, CIO von Siebert Financial, schreibt: Für langfristig orientierte Kunden, die diese Volatilität akzeptieren können und die möglicherweise etwas mehr Schmerzen tolerieren können, ist dies eine Kaufgelegenheit (Quelle: Barron’s)
  • Nike produziert rund die Hälfte seiner Sportschuhe in Vietnam, welches mit einem Zoll von 46% belegt wurde. Schätzungen zufolge werden Produkte aus Vietnam für Amerikaner rund 10-12% teurer (Quelle: NY Post)

Bild: Air Jordan 1 High von Nike für neu USD 198, anstatt USD 180 (Quelle: NY Post)

  • wie umgehen mit Trumps Wahnsinn? Um optimistisch nach vorne blicken zu können, suche ich nach Handlungsspielräumen. Und die gibt es. Natürlich stehen wir vor Herausforderungen. Nichts davon ist aber neu. Dass USA andere Prioritäten bei Militär hat oder Trump Zölle einführen will, wussten wir. Lesen sie die langen Artikel, nicht die kurzen. Versuchen sie, nicht immer «up to date» zu sein. Schaut man bei Trump auf die Umsetzung, kommt gleich ein wenig Ruhe rein. Ukraine – was ist erreicht worden? Nichts. Waffenstillstand im Schwarzen Meer? Nicht umgesetzt. Man kann eine Krise auch als Anstoss für positive Veränderungen nutzen. In Krisen werden Ressourcen neu verteilt, werden Prioritäten identifiziert. Wenn es existenziell wird, mobilisieren sich Menschen stark. Insofern ist eine Krise auch ein Moment, in dem Gutes entstehen kann - Interview mit Florence Gaub, Leiterin Nato Defense College, Rom (Quelle: Süddt. Zeitung)

Diese Woche 📆

💡
US-Inflation, Beginn Q1-Ergebnisse der US-Banken

Mo: Ind.produktion (D)

Mi: Fed-Protokoll (USA)

Do: Inflation, erw. 2.6%, Kern-Inflation erw. 3% (USA) Inflation (China),

Fr: Sitzung Europagruppe (EU), Produzentenpreise, Vertrauensindex Michigan (USA), unoffizieller Start der Q1-Ergebnisse mit JPMorgan, Morgan Stanley, Wells Fargo


Quotes 📝

  • «Das Chaos, das Herr Trump angerichtet hat, lässt sich nicht leugnen – aber das bedeutet nicht, dass seine Taktik am Ende siegen wird» The Economist, April 5, 2025
  • Rat an Investierende: «Man muss viel mehr für den Erfolg arbeiten, als man am Anfang denkt. Zweitens: Man muss demütig bleiben. Die Märkte fordern einen jeden Tag aufs Neue.» Edouard Carmignac, renommierter frz. Vermögensverwalter
  • Never forget: In the short term Washington DC can dictate the markets; but in den medium to long-term, the markets dictate Washington!” Matt McAleer, Cumberland Advisors

Mit den besten Grüssen und einen guten Wochenstart wünscht,

Patrick Loser