From the desk of ... Strategie statt Euphorie
… der Technologiesektor stand auch in der vergangenen Woche im Mittelpunkt der Finanzberichterstattung. Die Entwicklung zeigte aber, dass Anleger zunehmend versuchen, zwischen Gewinnern und Verlierern zu unterscheiden. Selbst die grössten Technologiekonzerne werden kritischer beurteilt. Während die «Magnificent Seven» vergangene Woche rund 6% verloren und damit ihre schwächste Woche seit über einem Jahr verzeichneten, hielt sich der Gesamtmarkt gemessen am S&P500 mit -1.9% erstaunlich gut. Zum Vergleich: DJEURO Stoxx50 -1.1%, SMI +2.9% (Quelle: UBS Quotes, 27.6.26).
Drei Beispiele aus der vergangenen Woche zeigen diesen Wandel eindrücklich:
- Micron Technology überzeugte mit ausgezeichneten Quartalszahlen und bestätigte den anhaltenden KI-Boom - Aktie schloss trotzdem nur auf Vorwochenniveau
- Apple geriet dagegen unter Druck, nachdem steigende Speicherchipkosten Preiserhöhungen bei Macs und iPads notwendig machten - im Wochenvergleich: -4.8%
- obwohl Alphabet (Google) neu in den Dow Jones Industrial Index aufgenommen wird, blieb die erhoffte positive Kursreaktion aus - minus 8.8% seit Wochenbeginn
Der globale Halbleitersektor wird mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 50 auf Basis der 2027-Gewinne bewertet (Quelle: Bahnsen Group, 25.6.26). KI bleibt im Moment der wichtigste Wachstumstreiber an den Börsen. Investoren werden kritischer hinsichtlich der Bewertungen, milliardenschwere KI-Investitionen und der Unsicherheiten bei der Zinsentwicklung. Die Ökonomen der Bank of America erwarten bis Ende Jahr um 0.75% höhere Fed-Zinsen (Quelle: Financial Times, 23.6.26).
In der Rubrik «Zeitlos aktuell» zeige ich anhand des Gartner Hype Cycle, weshalb technologische Revolutionen häufig oft eine Phase mit grosser Euphorie auslösen, auf die oft eine Phase der Ernüchterung folgt und warum gerade in solchen Phasen eine breite Diversifikation entscheidend bleibt.
Heutige Kernbotschaften:
- Selektion statt Euphorie - Investoren unterscheiden wieder stärker zwischen Gewinnern und Verlierern
- Diversifikation bleibt entscheidend - Anleger investieren breiter und reduzieren Einzel- und zu hohe Sektorrisiken. Selbst sehr gute Unternehmen können schlechte Anlagen sein, wenn der Einstiegspreis zu hoch ist (s. Dotcom: z.B. Intel, Cisco)
- Langfristig denken - technologische Revolutionen brauchen Zeit und verlaufen selten geradlinig
Die Magnificent Seven gehörten im Juni zu den prominentesten Verlierern. Der MAGS ETF verlor seit Ende Mai 12.9% und liegt dieses Jahr 6.6% im Minus. Dagegen gewann der ETF der übrigen 493 S&P-500-Unternehmen (XMAGS) 13.7%. Die Marktführung verbreitert sich (Quelle: Yardeni Research, 25.6.269) Diese Entwicklung spricht weniger für das Ende des KI-Booms als für eine Normalisierung der Marktführung.
- Erfahrungen aus der Historie: Keine Aktie ist ein Kauf, den man anschliessend für immer vergessen kann. Erfolgreiches Investieren erfordert regelmässige Überprüfung von Bewertung, Fundamentaldaten und Portfolioallokation.
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Wir gehen gleich zu den …
News aus den Finanzmedien:🗞️
- Nicht jede Inflation ist gleich. Die Schlagzeilen zeigen zwar wieder steigende Inflationszahlen. David Rosenberg weist aber darauf hin, dass die von Fed-Präsident Kevin Warsh bevorzugten Inflationsindikatoren deutlich ruhiger aussehen. Sie blenden extreme Preisschwankungen aus und zeigen bisher keine breite Weitergabe der höheren Energiepreise an die Gesamtwirtschaft. Gleichzeitig sind die Ölpreise wieder auf das Niveau vor dem Iran-Konflikt gefallen. Für Anleger könnte das bedeuten, dass der Spielraum für weitere Zinserhöhungen kleiner ist, als es die offiziellen Inflationsdaten auf den ersten Blick vermuten lassen (Quelle: Rosenberg Research, 26.6.26).
- Der Wettbewerb bei Künstlicher Intelligenz verschärft sich schneller als viele erwartet haben. Chinesische KI-Modelle holen rasant auf und setzen die westlichen Anbieter vor allem über tiefere Preise unter Druck. Viele Modelle sind Open Source und kosten deutlich weniger als jene von OpenAI oder Anthropic. Das macht sie für Unternehmen attraktiv. Selbst Microsoft prüft, das chinesische Modell DeepSeek V4 in Copilot einzusetzen. Auf OpenRouter stammen bereits sechs der zehn beliebtesten Modelle aus China. Für Anleger erinnert die Entwicklung zunehmend an den Smartphone-Markt: Die USA bleiben bei Spitzenmodellen führend, China gewinnt mit günstigen Alternativen Marktanteile. Davon könnten langfristig vor allem Unternehmen profitieren, die KI möglichst kostengünstig einsetzen können. Regulatorische Entscheide der USA bleiben ein wichtiger Unsicherheitsfaktor (Quelle: New York Times, Andrew Ross Sorkin, 22.6.26).
- Investoren sind wegen der rekordhohen IPOs und Kapitalerhöhungen verunsichert. Entscheidend ist aber das Nettoangebot an Aktien, wie UBS betont. Hier sieht die Lage günstiger aus als es die Schlagzeilen über die Bruttoemissionen andeuten. Die Aktienrückkäufe in den USA summierten sich in den letzten zwölf Monaten auf USD 1'200 Mia. Insgesamt dürften die Unternehmen also mehr Aktien zurückkaufen, als sie in diesem Jahr emittieren. Dies steigert unsere Zuversicht, dass die Aktienemissionen keine wesentliche Belastung für weitere Gewinne der Aktienmärkte darstellen werden (Quelle: UBS CIO, 22.6.26).
- SpaceX hat für seine Anleihefinanzierung über USD 25 Mia. zwar genügend Investoren gefunden, musste dafür aber einen höheren Risikoaufschlag bezahlen als vergleichbare BBB-Unternehmen. Das zeigt, dass der Markt trotz der hohen Bewertung Risiken sieht. Grant Nachman, Anlagechef bei Shorecliff Asset Management, erklärt: Aktionäre profitieren vom Wachstum des Unternehmens, Anleiheinvestoren wollen dagegen für das Risiko entschädigt werden. Gleichzeitig wirft ein Bericht von The Information Fragen zur KI-Tochter xAI auf. Ehemalige Mitarbeitende schätzen, dass ein grosser Teil der Nutzung des Chatbots Grok auf nicht jugendfreie Inhalte entfällt (Quelle: Grant's, 24.6.26).
- Rechenleistung könnte künftig ähnlich handelbar werden wie Strom oder Öl. Mehrere Börsen arbeiten an Terminkontrakten (Futures), mit denen Unternehmen ihre zukünftigen Kosten für KI-Rechenleistung absichern können. Gleichzeitig dienen leistungsstarke Nvidia-Grafikchips (GPUs) bereits als Sicherheit für Kredite. Künftig könnten nicht nur Chip-Hersteller, sondern auch Betreiber von Rechenzentren, Stromversorger, Börsen und Finanzdienstleister zu den Gewinnern gehören (Quelle: The Economist, 22.6.26).
- die beiden renommierten Anlagestrategen Jeff Gundlach und Felix Zulauf wurden von Grant Williams eine Stunde lang interviewt. In meiner Zusammenfassung habe ich mich bewusst auf weniger beachtete und teils konträre Einschätzungen konzentriert.
Beide sehen das grösste Risiko nicht primär bei Aktien, sondern erstmals seit Jahrzehnten im Markt für US-Staatsanleihen. Ein Grund, weshalb Gundlach und Zulauf langfristig positiv für Gold sind. Sie betrachten Gold nicht als Inflationsschutz, sondern als Rückkehr zu einem monetären Reservevermögen. Die anhaltenden Goldkäufe der Zentralbanken werten sie als Zeichen eines langfristigen Vertrauensverlusts gegenüber Fiat-Währungen. Für den USD bleiben sie bearish. Beide argumentieren letztlich, dass sich nicht nur der Konjunkturzyklus, sondern das gesamte Finanzsystem verändert: dauerhaft höhere Zinsen, geringere Dominanz des US-Dollars, stärkere staatliche Eingriffe und weniger freie Kapitalmärkte. Das wäre ein historischer Regimewechsel und nicht lediglich eine normale Börsenkorrektur.
Jeffrey Gundlach, Gründer und CIO von DoubleLine Capital, glaubt, dass der über 40-jährige Bullenmarkt bei Staatsanleihen vorbei sei, weil die hohe US-Staatsverschuldung dauerhaft höhere Zinsen notwendig mache. Selbst in einer Rezession könnten die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen ungewöhnlich hoch bleiben. Besonders ungewöhnlich ist Gundlachs Hinweis, dass die USA ihre Staatsanleihen eines Tages verlängern oder Kupons anpassen könnten. Er bezeichnet dies zwar als weniger wahrscheinliches Szenario, schliesst es aber nicht aus. Gundlach hält es für möglich, dass die US-Notenbank langfristige Renditen künstlich deckeln muss, um die Finanzierungskosten des Staates tragbar zu halten. Zwar wurde Yield Curve Control bereits in Japan eingesetzt, für die USA wäre dies jedoch ein fundamentaler Regimewechsel. Sorgen bereiten ihm: hohe Konzentration im US-Aktienmarkt, Risiken im Private-Credit-Markt sowie die Euphorie rund um KI.
Felix Zulauf, Präsident von Zulauf Consulting, erwartet, dass die Globalisierung zu Ende geht und durch eine multipolare Welt mit mehr Konflikten, Sanktionen und strukturell höherer Inflation ersetzt werde. Gleichzeitig befinde sich die von KI getriebene Hausse an den Aktienmärkten im Spätstadium. Zulauf erwartet, dass die Märkte innerhalb der nächsten 12 Monate ihren Höhepunkt erreichen könnten, bevor ein Bärenmarkt mit Kursrückgängen von 30 bis 50% folgt. Zulauf erwartet nicht nur steigende Schulden, sondern einen grundlegenden Wandel der Spielregeln. Regierungen könnten Kapital stärker lenken, Regulierung verschärfen und Sparer indirekt zur Finanzierung der Staatsschulden heranziehen. (Quelle: DoubleLine / Grant Williams, 24.6.26; On My Radar, Steve Blumenthal, 26.6.26, Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=N0C3oJ90ZwA
- Ian Bremmer, Gründer GZERO Media, erklärt, dass Nordkorea geopolitisch so stark ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Russland erhält Waffen und Soldaten für den Krieg in der Ukraine und liefert im Gegenzug Geld, Energie und moderne Militärtechnologie. Gleichzeitig ist Nordkorea nicht mehr allein von China abhängig, sondern kann Moskau und Peking gegeneinander ausspielen. Beide Länder wollen Nordkorea nicht verlieren. Russland behandelt Nordkorea faktisch als Atommacht und blockiert schärfere Sanktionen im UNO-Sicherheitsrat. Ein weiteres Beispiel wie sich die Weltordnung verändert. Auch China übt deutlich weniger Druck aus als früher. Dadurch verliert die bisherige Strategie des Westens, Nordkorea über Sanktionen zu isolieren, an Wirkung. Die Rivalität zwischen den Grossmächten verändert die Weltordnung. Länder, die früher isoliert waren, gewinnen wieder an Einfluss. Das spricht für dauerhaft höhere geopolitische Spannungen, steigende Verteidigungsausgaben und eine stärkere Fragmentierung der Weltwirtschaft (Quelle: GZERO, Interview Ian Bremmer, 24.6.26).
Zeitlos aktuell: 📕
Gartner Hype Cycle, das Modell wurde vom Marktforschungs- Beratungsunternehmen Gartner Inc., Stamford, CT, entwickelt - www.gartner.com)
Das Modell von Gartner zeigt, wie sich neue Technologien typischerweise entwickeln. Am Anfang stehen oft grosse Euphorie und hohe Bewertungen. Danach folgt häufig eine Phase der Ernüchterung, bevor sich der wirtschaftliche Nutzen einer Technologie über Jahre hinweg entfaltet. Genau das war nach der Dotcom-Blase zu beobachten. Das Internet veränderte die Welt, dennoch brauchten viele damalige Marktführer Jahrzehnte, um die überhöhten Bewertungen abzubauen. Cisco erreichte den Höchststand aus dem Jahr 2000 erst rund 25 Jahre später wieder, Intel sogar erst nach rund 26 Jahren. Für Anleger ist die wichtigste Erkenntnis: Eine hervorragende Technologie und ein erfolgreiches Unternehmen sind nicht automatisch auch eine hervorragende Aktie. Eine breite Diversifikation bleibt deshalb wichtiger, als alles auf wenige vermeintliche Gewinner zu setzen (Quellen: Gartner Hype Cycle; Wall Street Journal, Spencer Jakab, 25.6.26; Yahoo Finance, eigene Einordnung, 26.6.26).
LOP: Bei Gelegenheit empfehle ich, den Langfrist-Chart von Cisco und Intel anzusehen.
Die Erläuterungen zum Gartner Modell finden Sie direkt in der Graphik.
Graphik: Erwartungen (Expectations) auf der y-Achse und Zeit (Time) auf der x-Achse (Quelle: www.gartner.com, von ChatGPT erstellt Graphik, siehe pdf im Anhang)

Gartner erwähnt, dass dieser Hype-Cycle bei Themen wie Internet, Blockchain und Quantencomputer ebenfalls feststellbar war (Quellen: Gartner Inc.; Mauldin Economics, https://www.gartner.de/de/methoden/hype-cycle?utm_source=chatgpt.com , 17.6.26)
Kalender: 📅
Sa, 4. Juli: 250 Jahre USA - Feier der Unabhängigkeitserklärung von 1776🇺🇸
- Mo: Detailhandel (J)
- Di: Arbeitsmarkt, Industrie (J), KOF-Indikator (CH), Inflation (D), BIP Q1 (UK)
- Mi: Tankan (J), PMI Manufacturing (CH, China, F, D, EU, US), Inflation (EU)
- Do: Inflation (CH), Arbeitsmarktbericht für Juni, erw. Nonfarm payrolls +113’000 (Mai: 172k),
- Fr: US-Börse geschlossen, US-Unabhängigkeitstag, 05.00h Schweiz: Algerien
- Sa: 250 Jahre USA🇺🇸
Quotes:👨🔬
- «Wir überschätzen die Auswirkungen einer neuen Technologie kurzfristig und unterschätzen sie langfristig.» Roy Amara (1936-2007), US-Wissenschaftler und Mitbegründer des Institute for the Future in Kalifornien
- «Eine Blase lässt sich nie mit Sicherheit erkennen, solange sie noch läuft. Erst nach dem Platzen wird sie offensichtlich.» Jeremy Grantham (*1938), Mitgründer des Vermögensverwalters GMO, Boston, Grantham ist ein Value-Investor
- «World Cup spirits are running higher than ever. We’ve seen Brazilian fans taking over Times Square and Scottish supporters drinking bars dry in Boston.» (Quelle: Wall Street Journal, 26.6.26)
Der KI-Boom ist intakt, doch der Markt wird anspruchsvoller. Aus der Historie wissen wir, dass technologische Revolutionen selten gradlinig verlaufen.
Bewertungen werden wichtiger und Anleger achten verstärkt auf die Fähigkeit von Unternehmen, hohe Investitionen in Gewinne umzuwandeln.
Geduld, Diversifikation und ein langfristiger Anlagehorizont gehören zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren.
Mit den besten Grüssen, einen guten Start in die neue Woche und Hopp Schwiiz wünscht,
Patrick Loser
Quiz: Schienen verlegen, welche das Eingangs- und das Ausgangsfeld verbindet. Die fertige Strecke darf sich weder verzweigen noch selbst kreuzen. Die Zahlen geben an, wie viele Gleisstücke sich in der jeweiligen Zeile oder Spalte befinden. Für Anfänger und Fortgeschrittene. Viel Glück.
Wichtiger Hinweis:
Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze. Allfällige Buchabbildungen dienen ausschliesslich der inhaltlichen Referenz im Rahmen der jeweiligen Besprechung.