From the desk of ... Hopp Schwiiz!

Teilen
From the desk of ... Hopp Schwiiz!
Photo by Ronnie Schmutz / Unsplash

… die Börsen zeigten in den letzten Wochen eine eindrückliche Performance. Der S&P 500 gewann neun Wochen in Folge und wurde von einem 1. Quartals-Gewinnwachstum von +28.6% im Jahresvergleich, wie auch von sinkenden Energiepreisen, unterstützt. Doch damit endet nun die Berichtsaison, ein wichtiger Kurstreiber fällt weg

Gleichzeitig mehren sich vereinzelt Anzeichen einer Konjunktur-Abschwächung. Die US-Konsumenten zeigen sich trotz Rekordständen an der Wall Street zunehmend zurückhaltend, da die Lohnentwicklung mit den gestiegenen Preisen nicht Schritt halten konnte. Die Sparquote der privaten Haushalte sank im April auf lediglich noch 2.6%, während die von der Fed bevorzugte Kerninflation mit 3.3% den höchsten Stand seit fast drei Jahren erreichte.

 Meine heutigen drei Kernbotschaften:

  • Die Berichtsaison ist beendet, ein wichtiger Kurstreiber fällt weg – die Börsenrally wird auf die Probe gestellt
  • Bubble-Watch: IPO-Fieber und KI-Euphorie (s. Mail vom 10.5./25.5.26) – ein Spektakel mit Seltenheitswert 
  • Howard Marks mit zeitlosen Anlagegrundsätzen: «You can’t predict. You can prepare!»

Die Blicke vieler Anleger richten sich auf die nächste grosse Geschichte: neue Börsengänge

Die Finanzzeitschrift Barron's sieht heute Parallelen zu früheren Technologiebooms. Bei einer Bewertung von rund USD 1'750 Mia. und einem Umsatz von USD 18.7 Mia. würde SpaceX mit rund dem 94-fachen Jahresumsatz bewertet. Zum Vergleich: Der gesamte S&P 500 wird aktuell mit dem 3.4-fachen Umsatz bewertet. Bemerkenswert ist, dass Anleger bereits vor dem IPO über sogenannte Perpetual Futures auf SpaceX spekulieren können. Typisch in Euphoriephasen strahlt die Begeisterung auch auf andere Titel aus. Die Aktie von Virgin Galactic legte innert fünf Handelstagen um 126% zu, obwohl das Unternehmen operativ wenig mit SpaceX verbindet.  Mohamed El-Erian, Präsident des Queens' College Cambridge und Berater von Allianz, warnt deshalb vor einer Entkopplung einzelner Bewertungen von der wirtschaftlichen Realität (Quelle: Barron's, 29.5.26). 

Passend dazu bin ich auf ein aktuelles Interview mit Howard Marks gestossen. 

Marks ist einer der renommiertesten Investoren der Welt und Mitbegründer von Oaktree Capital Management. Marks spezialisierte sich mit Oaktree im Bereich Distressed Debt (notleidende Anleihen).

Drei Gedanken von Howard Marks ...

erscheinen mir aktuell besonders relevant:

  • Erstens: Eine revolutionäre Technologie ist nicht automatisch eine gute Aktie. Die Eisenbahn veränderte Amerika. Das Internet veränderte die Welt. Viele Investoren verloren trotzdem Geld. Die Frage ist nicht, ob KI erfolgreich wird, sondern wer langfristig daran verdient.
  • Zweitens: Die grössten Risiken entstehen oft in Phasen des Optimismus. Marks sieht die Bewertungen der «Magnificent 7» weniger kritisch als die zunehmende Sorglosigkeit im breiteren Markt. Hohe Bewertungen und die Überzeugung, dass Risiken verschwunden sind, waren historisch häufig Vorboten tieferer künftiger Renditen.
  • Drittens: Die Zukunft ist nicht prognostizierbar. Erfolgreiche Anleger versuchen nicht, die Zukunft exakt vorherzusagen. Sie bauen Portfolios, die verschiedene Szenarien überstehen können.

https://www.youtube.com/watch?v=RZBUsjLexjc&t=191s

Mein Empfehlung: Howard Marks veröffentlicht regelmässig seine berühmten «Memos», die weltweit grosse Beachtung finden. Darin analysiert er Marktzyklen, Bewertungen, Risiken und Anlegerverhalten mit bemerkenswerter Klarheit. Seine Memos gehören seit Jahrzehnten zu meiner Pflichtlektüre. 

https://www.oaktreecapital.com/insights

Geschätzte Investorin, geschätzter Investor 

Wir starten gleich mit den …

News aus den Finanzmedien:

  • Der KI-Boom führt zu einer Knappheit bei Speicherchips. Die grossen Hersteller Micron, SK Hynix und Samsung verkaufen ihre Produktion zunehmend an Anbieter von KI-Servern. Neue Kapazitäten werden erst 2027 in grösserem Umfang verfügbar sein. Die Folgen spüren inzwischen auch Konsumenten. Laut IDC (International Data Corp.)  ist der durchschnittliche Verkaufspreis von Smartphones im Jahresvergleich um USD 100 auf USD 550 gestiegen. Gleichzeitig wird für 2026 ein Rückgang der Stückzahlen um 14% erwartet. Auch PC-Hersteller berichten von steigenden Kosten und höheren Preisen (Quelle: Barron’s, 29.5.26).
  • David Rosenberg warnt, dass die US-Börsen zwar neue Höchststände erreichen, die Rally aber immer schmaler wird. Finanzwerte (Performance S&P500 Sektor Finanzen ETF: -5.3% seit Jahresbeginn) und viele konjunkturelle Bereiche bleiben zurück. Der KI-Boom überdeckt viele Schwächen der US-Wirtschaft. Nachlassende Auto- und Reisenachfrage, ein schwächerer Arbeitsmarkt sowie zunehmender Druck auf den Immobiliensektor sprechen aus seiner Sicht für höhere Wachstums- und Deflationsrisiken, als die Aktienmärkte derzeit einpreisen. Laut einer Studie der US-Notenbank stammten im Jahr 2025 rund 39% des gesamten US-Wirtschaftswachstums aus Investitionen in Rechenzentren, Software, Halbleiter und Forschung. Das deutet auf eine zunehmende Konzentration des Wachstums. Auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie im Jahr 2000 lag dieser Anteil bei 28% (Quelle: Rosenberg Research, 25./28./29.5.26).
  • Seit Ende 2019 sind die inflationsbereinigten Stundenlöhne in den USA lediglich um 3% gestiegen, während die Unternehmensgewinne um rund 50% zulegten. Die zunehmende Kluft zwischen Kapital und Arbeit könnte erklären, weshalb die Aktienmärkte Rekordstände erreichen, viele Konsumenten die Wirtschaftslage jedoch weniger optimistisch einschätzen (Quelle: Wall Street Journal, Greg Ip, 29.5.2026)
  • Der KI-Boom sorgt bei Samsung für aussergewöhnliche Bonuszahlungen. Mitarbeitende der Speicherchip-Sparte könnten dank einer neuen Gewinnbeteiligung im Durchschnitt fast USD 400'000 zusätzlich erhalten. Insgesamt sollen 78’000 Mitarbeitende der Halbleitersparte künftig 10.5% des operativen Gewinns bekommen. Die Samsung-Aktie stieg nach der Einigung um mehr als 7%. Spannend ist auch der Unterschied innerhalb des Konzerns. Während Chipmitarbeiter hohe Bonuszahlungen erhalten, bekommen Angestellte der Smartphone- und TV-Sparte deutlich weniger, weil dort der Margendruck durch chinesische Konkurrenz zunimmt (Quelle: Financial Times, 27.5.26).
  • Indien wächst weiter stark, aber der Aufschwung kommt bei vielen jungen Akademikern nicht an. Laut der Studie „State of Working India 2026“ finden 93% der Hochschulabsolventen im ersten Jahr keinen festen Job. Viele arbeiten deshalb als Lieferfahrer oder Taxifahrer und verdienen teilweise jahrelang mit Lieferdiensten weniger als EUR 200 pro Monat. Ökonom Raghuram Rajan, früherer Chef der indischen Zentralbank, erklärt, Indien schaffe schlicht zu wenig produktive Jobs. Zwar erwartet der IWF weiterhin ein Wirtschaftswachstum von 6.5%, doch dieses wird vor allem durch Staatsausgaben getragen (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.5.26).
  • Die Lage auf Kuba verschlechtert sich weiter stark. Der Tourismus ist im Jahresvergleich um 48% eingebrochen, Treibstoff fehlt, Stromausfälle dauern teilweise bis zu 22 Stunden pro Tag und die Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser wird schwieriger. Scott Galloway kritisiert die US-Politik und ist der Ansicht, dass eine bedingungslose Unterstützung der kubanischen Bevölkerung wirksamer wäre als der Versuch eines erzwungenen Regimewechsels. Er erinnert daran, dass die USA ihren grössten Einfluss oft nicht durch militärische Stärke, sondern durch «Soft Power» aufgebaut haben. Als Beispiele nennt er den Marshallplan und die Unterstützung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Die USA waren besonders erfolgreich, wenn sie ehemalige Gegner zu Partnern gemacht haben (Quelle: Scott Galloway, Unternehmer, Prof. Univ. of NY, No Mercy / No Malice, 29.5.26).
  • In den kommenden 20 Jahren werden weltweit schätzungsweise USD 84'000 Mia. von einer Generation zur nächsten übertragen. Dieser sogenannte «Great Wealth Transfer» sorgt dafür, dass die Nachfrage nach Beraternfür Unternehmerfamilien und Family Offices stark zunimmt. Ihre Aufgabe geht weit über Steuer- und Rechtsfragen hinaus. Sie begleiten Familien bei Nachfolgeplanungen, Konflikten, Governance-Strukturen und dem Umgang mit grossen Vermögen. Jennifer Pendergast, Beraterin am Center for Family Enterprises der Northwestern University, spricht von einem regelrechten Boom. Viele Familien stellen sich Fragen, die weniger finanzieller als menschlicher Natur sind: Wie viel Vermögen sollen die Kinder erhalten? Wer übernimmt die Führung des Unternehmens? Wie verhindert man familiäre Konflikte? Für Family Offices gewinnt damit ein Thema an Bedeutung, das oft unterschätzt wird. Nicht die Kapitalanlage entscheidet langfristig über den Erhalt des Vermögens, sondern die erfolgreiche Übergabe an die nächste Generation (Quelle: New York Times, 29.5.26).
  • Immer mehr Family Offices investieren direkt in private Unternehmen und umgehen damit klassische Private-Equity-Fonds. Laut S&P Global Market Intelligence stieg der Wert solcher Direktinvestitionen 2025 um 123%. Gründe sind tiefere Gebühren, mehr Transparenz und vor allem mehr Kontrolle über die Investments. Eine Umfrage von Citi Wealth zeigt, dass bereits 70% der Family Offices Direktinvestitionen tätigen. Alexandre Monnier, Leiter Family Office Advisory bei Citi Wealth, erklärt, dass vermögende Familien einen Vorteil hätten, weil sie langfristig denken und Kapital über viele Jahre investieren können (Quelle: Barron’s, 29.5.26).
  • Hotelbesitzer in New York City haben den teuersten Gewerkschaftsvertrag der Branche abgeschlossen. Die Stundenlöhne vieler Angestellter steigen die kommenden acht Jahre um rund 50%. Dadurch dürften die Betriebskosten der Hotels laut dem Hotelverband um etwa 15% steigen. Die Branche geht davon aus, dass diese höheren Kosten letztlich über steigende Hotelpreise an Touristen weitergegeben werden können (Quelle: Wall Street Journal, 27.5.26).
  • Ben Carlson, Direktor Institutional Asset Management bei Ritholtz Wealth Management, sieht die Vermögensverwaltungsbranche vor einem strukturellen Wandel. Dank KI und besserem Informationszugang treten Kunden heute deutlich informierter auf als früher. Berater müssten deshalb ihre Anlageentscheide viel tiefer begründen und könnten sich nicht mehr auf oberflächliches Wissen verlassen. Gleichzeitig hätten Privatanleger heute Zugang zu Strategien, die früher institutionellen Investoren vorbehalten waren. Das erhöhe zwar die Möglichkeiten, erschwere aber Disziplin und langfristiges Investieren. Besonders für Pensionierte bleibe Diversifikation zentral, da sie sich kein „verlorenes Jahrzehnt“ leisten könnten (Quelle: Ritholtz WM, A Wealth of Common Sense, 28.5.26)
  • Daniel Miessler, Cybersecurity-Experte und Autor des Newsletters «Unsupervised Learning», warnt vor einem Trend zum permanenten Zynismus. Er beobachtet, dass viele Medien und Social-Media-Kanäle vor allem Aufmerksamkeit gewinnen, indem sie kritisieren, provozieren oder negative Nachrichten verstärken. Miessler argumentiert, dass Zynismus oft mit Intelligenz verwechselt wird. Es sei einfacher, Fehler aufzuzeigen, als konstruktive Ideen zu entwickeln. Deshalb empfiehlt er, die eigenen Informationsquellen regelmässig zu hinterfragen. Wie viele Inhalte liefern echten Mehrwert und wie viele erzeugen lediglich Empörung oder das Gefühl, anderen überlegen zu sein? Statt sich ständig über Probleme zu ärgern, sei es oft sinnvoller, selbst etwas aufzubauen, zu lernen oder kreativ zu werden. Das verbessere nicht nur die Stimmung, sondern schaffe langfristig auch mehr Wert (Quelle: Daniel Miessler, Unsupervised Learning No. 530, 29.5.26).

Kalender:📅

  • Mo: BIP Q1 (CH), Caixin Manufacturing PMI (China), Manuf. PMI’s (CH, F, D, EU), ISM Manuf. PMI (US), Dollar General, Palo Alto
  • Di: Inflation (EU)
  • Mi: Unternehmen: Broadcom, CrowdStrike
  • Do: Inflation (CH)
  • Fr: BIP Q1 (EU), Arbeitsmarktbericht Mai, Nonfarm-payrolls, erw. +90k (US)

Quotes:

  • "Die Vorstellung, ich könnte etwas sehen, was niemand sonst sieht, ist eine Illusion.” Daniel Kahneman, 1934-2024, US-Psychologe und Verhaltensökonom, Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft
  • "In Börsenblasen überschätzen Anleger regelmässig ihre Fähigkeit, rechtzeitig auszusteigen.” Daniel Kahneman, Autor von: Thinking, Fast and Slow
  • «Selbstvertrauen ist an der Börse notwendig. Zu viel davon kann tödlich sein.» Howard Marks, Autor von: The most important thing oder Mastering the Market Cycle

Das heutige Schlusswort gehört Howard Marks (Auszug aus dem Interview): 
Technologische Revolutionen schaffen enorme Chancen, doch wer die langfristigen Gewinner sein werden, weiss heute niemand. Disziplin, Risikomanagement und realistische Erwartungen bleiben wichtiger als die nächste grosse Prognose.

Mit den besten Grüssen und HOPP SCHWIIZ! 

Patrick Loser 


Wichtiger Hinweis: 

Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze. Allfällige Buchabbildungen dienen ausschliesslich der inhaltlichen Referenz im Rahmen der jeweiligen Besprechung.