From the desk of ... höhere Zinsen weltweit

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From the desk of ... höhere Zinsen weltweit
(Quelle: Eigenes Foto, Sag Harbor, NY - passend zu Zitat von Morgan Housel, unten)

… steigende Zinsen stoppen zum Wochenschluss die Aktienrally. Investoren werden zunehmend nervöser, weil weltweit Anleihen unter Druck geraten. Der Renditeanstieg ist längst kein reines US-Thema mehr. In Japan sorgen hohe Inflation und steigende Staatsausgaben für Druck auf Staatsanleihen und in Grossbritannien belasten politische Unsicherheiten rund um Premierminister Keir Starmer zusätzlich den Markt. Der Druck auf die globalen Anleihemärkte nahm weltweit deutlich zu.

Meine Kernbotschaften:

  • die Rendite von Staatsanleihen der G7-Länder liegt auf dem höchsten Stand seit über 20 Jahren (Quelle: Torsten Sloek, Apollo Mgmt, s.Graphik unten)
  • die Finanzmärkte ziehen Parallelen zu den Öl- und Inflationsschocks der 1970-er Jahre  
  • keine Lösung im Nahost-Konflikt in Sicht – hohe Ölpreise erhöhen den Inflations- und Zinsdruck weltweit.

Emmanuel Cau, Chefstratege Aktien Europa, Barclays, bringt die aktuelle Stimmung auf den Punkt: „Wenn Öl nicht fällt, kann der Markt nicht steigen.“ (Quelle: FT, 15.5.26)

Die globale Zinsentwicklung ist in den Fokus der Anleger gerückt. Die Finanzpresse greift das Thema auf und bringt beeindruckende Vergleiche zur Vergangenheit – eine Auswahl (Quellen: Apollo Mgmt, Wall Street Journal, Barron’s, Financial Times, 15.-17.5.26):

-die durchschnittliche Rendite von Staatsanleihen der G7-Länder ist auf den höchsten Stand seit über 20 Jahren gestiegen (s. Graphik unten)

-die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe stieg auf 5.13% - der höchste Stand seit 2007

-in Japan stieg die Rendite 30-j. Staatsanleihen erstmals überhaupt über 4%

-in Grossbritannien sprang die Rendite 30-j.Staatsanleihen auf 5.85%, den höchsten Stand dieses Jahrhunderts

Torsten Sloek, Chefökonom, Apollo Mgmt, sieht die folgenden Treiber für höhere Zinsen:

  • erneuter Inflationsdruck durch hohe Energiepreise infolge des Nahostkonflikts
  • hohe Staatsdefizite und steigende Anleiheemissionen
  • Ende der quantitativen Lockerung der Notenbanken sowie die schrumpfende Bilanz der US-Fed
  • Investoren verlangen höhere Laufzeit- und Inflationsprämien wegen Deglobalisierung und geopolitischer Spannungen

Graphik: Die durchschnittliche Rendite von Staatsanleihen der G7-Länder ist auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren (Quelle: Torsten Sloek, Chefökonom, Apollo Management, 17.5.26)

Quelle: https://www.apollo.com/content/dam/apolloaem/pdf/daily-spark/2026/may/17/dailyspark-2026-05-17.pdf

Im Zentrum steht erneut der Ölpreis. Brent-Öl notiert wegen des Iran-Konflikts und der weiterhin blockierten Strasse von Hormus bei über USD 100 pro Fass, rund 50% höher als zu Beginn des Konflikts. Genau das weckt an den Märkten zunehmend Erinnerungen an die 1970er-Jahre. Damals führten Ölpreisschocks nach geopolitischen Konflikten ebenfalls zu stark steigender Inflation, höheren Zinsen und schwächeren Aktienmärkten. Viele Finanzmedien ziehen inzwischen genau diese historischen Vergleiche wieder heran. Sollte Öl länger hoch bleiben, könnte sich Inflation erneut als hartnäckiger erweisen als die Märkte bisher erwarten.

  • Erste Ölkrise (1973-1974): Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten. Arabische Ölexporteure unter Führung der OPEC verhängten ein Ölembargo gegen westliche Länder.
  • Beim zweiten Ölpreisschock (ab 1979) führte die iranische Revolution zum Zusammenbruch der iranischen Ölproduktion und damit zu massiven Angebotsengpässen. Später folgte der Irak-Iran-Krieg.

 Graphik: Vergleich der Inflationsentwicklung der Jahre 1966-1982 mit der heutigen Phase seit 2014 (Quelle: Torsten Sloek, Chefökonom, Apollo Management, 14.5.26)

Quelle: https://www.apollo.com/content/dam/apolloaem/pdf/daily-spark/2026/may/14/dailyspark-2026-05-14.pdf?utm_medium=email&utm_source=pardot&utm_id=fe475ce70aaf1a527eeffda84163742c&utm_campaign=EXT_Daily+Spark

Höhere Renditen bei «sicheren» Staatsanleihen erhöhen die Konkurrenz für andere Anlageklassen, wie z.B. Aktien, Hedge Funds, zinslose Edelmetalle. Gleichzeitig verteuern sie Refinanzierungen und erhöhen das Risiko bei langlaufenden Anleihen (s. unten bei News aus den Finanzmärkten, am Beispiel Österreich).

Geschätzte Investorin, geschätzter Investor

Wir starten mit einer Einschätzung von Lacy Hunt. Als ehemaliger Chefökonom der Federal Reserve Bank of Dallas gilt Hunt ein profunder Kenner der amerikanischen Notenbankpolitik. Er war zudem Chefökonom bei HSBC und ist heute Partner bei Hoisington Investment Management. Lacy Hunt prognostizierte während mehr als 40 Jahren tiefere Zinsen und hat seine Einschätzung nun um 180 Grad gedreht. Das ist ein bemerkenswerter Strategiewechsel. Ich habe von Hunts geänderter Strategie an der jährlich stattfindenden Strategic Investment Conference von Mauldin Economics erfahren.

News aus den Finanzmedien:

  • Lacy Hunt galt während mehr als 40 Jahren als einer der grössten Bond-Bullen der Wall Street. Seine Kernthese war immer gleich: Hohe Verschuldung bremst langfristig das Wachstum, wirkt deflationär und drückt die langfristigen Zinsen nach unten. Genau deshalb setzte Hunt jahrzehntelang auf langlaufende US-Staatsanleihen. Jetzt dreht er erstmals seine Sicht und erwartet steigende langfristige US-Zinsen.

Der wichtigste Grund ist laut Hunt die Kombination aus Ölpreisschock und deutlich expansiverer Geldpolitik der Fed. Höhere Energiepreise könnten die Inflation stark anheizen. Hunt schätzt, dass Öl direkt und indirekt rund 12% bis 15% des US-Konsumentenpreisindex beeinflusst. Gleichzeitig kritisiert er, dass die Fed seit Ende 2025 wieder massiv Liquidität ins System pumpt. Anders als nach 2008 blieb dieses Geld laut Hunt diesmal nicht einfach im Bankensystem, sondern floss direkt in Kredite und die Wirtschaft. Genau das erhöhe den Inflationsdruck zusätzlich. Hunt erwartet deshalb Inflation von über 4%, zeitweise sogar Richtung 5%, und spricht offen von einem Stagflationsszenario.

Hunt reduzierte die Duration seiner Portfolios massiv (LOP: Hunt wechselt von langlaufenden Anleihen in Laufzeiten unter 12 Monaten und hat damit weniger Zinsänderungsrisiko). Höhere Inflation und höhere langfristige Zinsen wären historisch sowohl für Obligationen als auch für hoch bewertete Aktien ein schwieriges Umfeld (Quelle: Mauldin Economics SIC 2026, John Mauldin, 16.5.26). 

  • Je mehr Prozesse Unternehmen automatisieren und KI-Systemen überlassen, desto grösser wird auch die Angriffsfläche. Früher brauchte es noch Menschen, die Entscheidungen prüften oder Freigaben erteilten. Heute handeln Systeme teilweise selbständig, etwa beim Programmieren, bei Software-Updates oder bei IT-Zugriffsrechten. Genau dort entstehen neue Risiken. KI macht Unternehmen effizienter, gleichzeitig steigt aber das Risiko von Fehlern, Manipulationen oder Cyberangriffen. Besonders heikel wird es, wenn KI-Systeme selbständig Rechte vergeben oder Prozesse anstossen, die kaum noch kontrolliert werden.

Auch spannend: der Hinweis auf „Shadow AI“. Gemeint ist, dass autonome KI-Agenten selbständig Admin-Zugänge oder Hintertüren schaffen können, ohne dass dies klassisch als Angriff erkannt wird. Das ist noch ein frühes Thema, zeigt aber gut, wohin die Diskussion geht. Viele Unternehmen integrieren KI schneller als ihre Kontrollsysteme wachsen (Quelle: Unsupervised Learning No. 529, Daniel Miessler, 12.5.26)

  • Howard Lindzon, US-Unternehmer und Venture-Capital-Investor, bringt viele Anlegerfehler direkt auf den Punkt. Viele Investoren verwechseln den starken Rückenwind der letzten 15 Jahre an den Finanzmärkten mit eigenem Können. Nullzinsen, Social Media und billige Liquidität hätten nahezu alles nach oben getragen. Das erinnert stark an Daniel Kahnemans Theorie der Selbstüberschätzung (LOP: Kahneman, Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft 2002, Verhaltensökonomie). Gute Börsenphasen machen viele Anleger zu vermeintlichen Genies. Lindzon glaubt, dass die öffentlichen Märkte heute oft attraktiver sind als illiquide VC-Fonds, weil KI-Tools Analysen massiv vereinfachen. Sein Grundsatz bleibt simpel: Investiere nur in Produkte, die du selber verstehst und nutzt. Denn nur dann hält man Schwankungen emotional aus. Seine Überzeugung: „Stocks are stories.“ Entscheidend sei aber, ob aus der Story irgendwann echter Cashflow entsteht (Quelle: Masters in Business, Bloomberg, Interview Barry Ritholtz mit Howard Lindzon, 10.5.26).
  • Die Finanzzeitschrift Barron’s zieht ein gemischtes Fazit zur Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell. Aktien- und Goldinvestoren profitierten massiv von der lockeren Geldpolitik und der stark ausgeweiteten Fed-Bilanz. USD 10’000 im S&P 500 wären seit Powells Amtsantritt am 5.2.2018 auf über USD 32’000 gestiegen. Gold entwickelte sich sogar noch besser. Klassische Anleihen enttäuschten dagegen deutlich. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen fiel von 2.8% im Jahr 2018 zeitweise unter 1%, bevor sie später auf über 5% anstieg. Bondinvestoren erlebten eine der schwierigsten Phasen seit Jahrzehnten. Die Fed schätzte den Inflationsschub nach Covid lange als «vorübergehend» ein. Gleichzeitig stiegen Vermögenspreise deutlich schneller als Löhne und Kaufkraft. Entsprechend leiden viele Amerikaner heute unter hohen Lebenshaltungskosten und sinkender Bezahlbarkeit (Quelle: Barron’s, 15.5.26). LOP: Die US-Notenbank bzw. das US-Finanzministerium (Steven Mnuchin, US-Finanzminister) hätte während der Tiefzinsphase 2020-2021 stärker langfristige Staatsanleihen emittieren sollen, um sich die historisch tiefen Zinsen über Jahrzehnte zu sichern. Deutlich besser machte es Österreich!  
  • Unser Nachbar Österreich hat im Juni 2020 eine 100-jährige Anleihe mit einem Coupons von 0.85% p.a. emittiert. Die Emission erfolgte praktisch auf dem Höhepunkt der globalen Nullzinsphase. Österreichs Finanzminister Gernot Blümel konnte sich damals Geld für 100 Jahre zu weniger als 1% leihen – LOP: BRAVO! Die Zinsen fielen kurz danach weiter, die Anleihe stieg im Kurs auf rund 135% und notiert heute bei lediglich noch 29.9%. Das ergibt eine Verfallrendite von 3.19% p.a. Rückblickend war das für den Staat fast historisch günstig. Die Emission zeigt gut, wie extrem die Nullzinsphase damals war und wie extrem lange Laufzeiten auf Zinsveränderungen reagieren – man spricht von Durationsrisiko (Quelle: UBS Quotes, 17.5.26, Valor 55'646'200).
  • Die Financial Times zeigt ein wichtiges Problem beim Einsatz von KI in der Beratungsbranche. EY (Ernst & Young) musste eine Studie zurückziehen, nachdem Experten erfundene Daten, falsche Quellenangaben sowie sogar einen McKinsey-Bericht entdeckten, der gar nicht existiert. Die Studie wurde von EY-Beratern aktiv im Marketing genutzt. Laut Experten könnten solche KI-Fehler das Internet langfristig mit falschen Informationen „vergiften“, weil spätere Systeme diese Inhalte weiterverwenden. Interessant ist, dass EY damit nicht allein ist. Auch Deloitte und grosse Anwaltskanzleien mussten zuletzt Dokumente wegen KI-Fehlern korrigieren. Der Artikel zeigt gut: KI erhöht zwar die Produktivität, aber ohne menschliche Kontrolle bleiben Halluzinationen ein reales Risiko (Quelle: Financial Times, 15.5.26).
  • Zimmerpflanzen verbessern die Luftqualität deutlich weniger, als viele denken. Studien der NASA zeigten bereits in den 1980er-Jahren, dass Pflanzen wie Grünlilien Formaldehyd aus der Luft filtern können. Diese positiven Resultate entstanden aber meist unter künstlichen Laborbedingungen. In normalen Wohnräumen konnten Forscher bisher kaum messbare Verbesserungen der Luftqualität nachweisen. Viele beliebte Zimmerpflanzen, wie Ficus oder Strelitzien, sind zudem eher dekorativ als besonders effizient beim Filtern von Schadstoffen. Interessant sind sogenannte „Living Walls“, also vertikale Pflanzenwände mit aktivem Luftstrom. Sie zeigen etwas bessere Resultate, sind aber teuer und aufwendig im Unterhalt. Zimmerpflanzen sind gut fürs Wohlbefinden und sehen schön aus. Wer aber wirklich Schadstoffe oder Feinstaub reduzieren will, fährt mit einem elektrischen Luftreiniger deutlich besser (Quelle: The Economist, 8.5.26).

 

Kalender:  Nvidia – bitte! 📆

Mo: Industrie Output (China)

Di: BIP 1Q (J), Zahlen: Home Depot, Primaries in Kentucky, Alabama, Georgia, Idaho, Oregon und Pennsylvania

Mi: Inflation (UK, EU), Fed Minutes (US), Zahlen: Nvidia, Target

Do: Markit PMI (F, D, EU, UK), Philly Fed, PMIs (US), Zahlen: Walmart, Deere

Fr: Inflation (J), BIP 1Q, IFO (D), Univ. of Michigan (US)

 

Quotes:

  • Risiko ist das, was übrig bleibt, nachdem man glaubt, an alles gedacht zu haben.” Morgan Housel, Buchautor: “Die Psychologie des Geldes” (in LOPs: Top 10)
  • Jemand, der ein Auto für 100’000 Dollar fährt, mag wohlhabend sein. Der einzige gesicherte Hinweis auf seinen Wohlstand ist jedoch, dass er nach dem Kauf des Autos 100’000 Dollar weniger Vermögen hat – oder 100’000 Dollar mehr Schulden. Mehr weiss man über diese Person nicht.“ Morgan Housel, geb. 1984, Kolumnist «The Motley Fool»
  • «Wealth is what you don’t see.» Morgan Housel, Partner bei VC Collaborative Fund

 

Steigende Anleiherenditen verändern die Spielregeln an den Finanzmärkten. Investoren sollten ihre taktische Strategie überdenken und allenfalls Portfolios entsprechend ausrichten.

Es gilt zu beobachten, ob Strategen und Ökonomen ihre Einschätzungen zur Zinsentwicklung anpassen.

Mit den besten Grüssen und einen guten Start in die neue Woche wünscht,

Patrick Loser


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