From the desk of ... Hoffnung > Angst

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(Quelle: Eigenes Foto)

…die Börsen haben vergangene Woche gleich mehrere Gründe gefunden, optimistischer nach vorne zu schauen. Im Zentrum stand der erfolgreiche Börsengang von SpaceX. Er zeigte einmal mehr, wie gross die Risikobereitschaft der Anleger für Zukunftsthemen wie Raumfahrt, KI und Technologie ist. 

Gleichzeitig gibt es vorsichtige Hoffnung auf neue Gespräche zwischen den USA und dem Iran. Vieles ist offen. Aber die Märkte handeln bekanntlich die Zukunft – und aktuell scheint die Hoffnung etwas grösser zu sein als die Angst.

Heutige Kernbotschaften: 

  • SpaceX befeuert die KI-Euphorie - nun folgt die Realität
  • Value oder Growth - wissen, was im Depot ist
  • Aktien kaufen heisst Unternehmen kaufen - siehe im "zeitlos aktuell" 

Ein erfolgreicher Börsengang von SpaceX ist für die Finanzmärkte wichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Entscheidend ist, ob genügend Kapital vorhanden ist, falls weitere KI-Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic an die Börse gehen und frühe SpaceX-Investoren ihre Aktien verkaufen.

…zurück zu SpaceX: Der Börsengang war nur der Anfang. Laut Will Denyer, Analyst bei Gavekal Research, könnten zwischen August und Dezember SpaceX-Aktien im Wert von bis zu USD 1'000 Mia. aus Lock-up-Fristen frei werden. Zum Vergleich: Beim IPO wurden lediglich rund USD 75 Mia. an Aktien ausgegeben. Frühinvestoren, Venture-Capital-Fonds und Mitarbeitende können dann erstmals verkaufen. Der eigentliche Belastungstest für die Nachfrage nach SpaceX-Aktien steht damit möglicherweise noch bevor. Die erste Tranche wird im August frei, die zweite voraussichtlich Mitte Dezember (Quelle: Gavekal Research, 12.6.26).

Geschätzte Investorin, geschätzter Investor 

Ein häufiger Anlegerfehler ist nicht eine falsche Aktie oder ein falscher Fonds zu besitzen. Der Fehler besteht darin, die tatsächliche Positionierung und damit das Risiko des eigenen Portfolios nicht vollständig zu kennen.

Mit meinem Mail «From the desk of vom 16. Januar 2026 «Leserfrage: Portfoliostruktur» bin ich auf dieses Thema vertieft eingegangen - beachten Sie bitte Erkenntnisse Nr. 1 und 2. Das Mail finden Sie im Anhang als pdf. Die wichtige Erkenntnis damals und heute: Gerade bei mehreren Aktiendepots, ETFs, Themenfonds oder Bankverbindungen ist es oft schwierig und aufwändig zu erkennen, wie stark man tatsächlich in einzelne Länder, Sektoren und Unternehmen investiert ist.

Fünf aktuelle Beispiele

... zeigen, weshalb dieser Aufwand wichtig ist:

  1. MSCI ACWI (All Countries) – weltweit investiert, mit Schwellenländern, aber USA 64%. Die zehn grössten Positionen sind ausschliesslich Technologieunternehmen. 
  2. MSCI World – weltweit investiert, ohne Schwellenländer, gilt als breit diversifiziert. Tatsächlich entfallen 73% auf die USA, die zehn grössten Positionen stammen alle aus dem US-Techbereich. 
  3. MSCI Emerging Markets – viele Anleger denken an eine breite Schwellenländerdiversifikation. Tatsächlich dominieren Taiwan (26%), Korea (23%) und China (20%). IT macht rund 43% des Index aus. Grösste Einzelrisiken: Taiwan Semiconductor 14%, Samsung 9%, SK Hynix 7%.
  4. MSCI Korea – ein Länderfonds mit erheblichen Einzelrisiken. Samsung und SK Hynix machen zusammen fast die Hälfte des Index aus. 
  5. Russell 1000 Value – selbst bei Value-Fonds sind mittlerweile Technologieunternehmen stark vertreten. Sechs Tech-Aktien wie Alphabet, Amazon gehören zu den zehn grössten Titeln im Fonds. Gewichtung IT: 18%, Kommunikation: 8%. 

Fondsnamen sagen weniger aus als viele Anleger glauben. Viele Anleger besitzen deshalb deutlich mehr Technologie, KI und USA, als ihnen bewusst ist. Die wichtigste Erkenntnis bleibt unverändert: Nicht der Fondsname entscheidet über das Risiko, sondern die einzelnen Unternehmen, Länder und Sektoren, die sich dahinter verbergen.

News aus den Finanzmedien:📰

  • Ed Yardeni, CEO von Yardeni Research, macht in seinem aktuellen Research-Papier Empfehlungen an Elon Musk- wohl mit einem Augenzwinkern. Musk solle auf eine Mars-Kolonie verzichten, weil dort wirtschaftlich auf absehbare Zeit wenig zu holen sei. Sinnvoller wäre es, Rechenzentren auf dem Meeresboden, statt im Weltraum zu bauen. Diese wären leichter zugänglich, einfacher zu warten und weniger anfällig für Weltraumschrott. Seine Botschaft an Anleger: Sie sollten zwischen visionären Zukunftsprojekten und wirtschaftlich sinnvolleren Investitionen unterscheiden. Yardeni würdigt den Erfolg von SpaceX, zeigt sich aber skeptisch gegenüber einigen der langfristigen Ideen rund um Mars-Besiedlung und Datenzentren im Orbit (Quelle: Yardeni Research, 13.6.26).
  • Die Sorge, dass KI ganze Berufsgruppen im Finanz- und Rechnungswesen verdrängen könnte, wird nach Ansicht von David Bahnsen, CEO Bahnsen Group, überschätzt. Als Vergleich verweist er auf die Einführung der Robo-Advisors vor rund zehn Jahren. Damals wurde erwartet, dass automatisierte Anlagelösungen Vermögensverwalter weitgehend ersetzen würden. Gerade in schwierigen Marktphasen dürfte die menschliche Beratung und Verhaltenssteuerung entscheidend bleiben. Statt Stellen abzubauen, investieren viele Finanzinstitute in zusätzliche Talente mit KI-Kenntnissen. Historisch führten technologische Fortschritte langfristig zu höherer Produktivität, neuen Berufsbildern und steigendem Wohlstand. Gewinner werden jene Unternehmen und Arbeitnehmer sein, die KI als Werkzeug nutzen, anstatt sie als Konkurrenz zu betrachten (Quelle: Bahnsen Group, 11.6.26).
  • Wer sich wegen der hohen Bewertungen von US-Techaktien und der KI-Euphorie Sorgen macht, sollte Europa nicht vergessen. Europäische Aktien werden deutlich tiefer bewertet als US-Aktien und bieten mit knapp 3% auch höhere Dividendenrenditen. Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price, erklärt, Europa sei aus guten Gründen günstig, werde von vielen Investoren aber schlicht übersehen. Jurrien Timmer, Direktor Makrostrategie bei Fidelity Investments, sieht Europa als möglichen Stabilitätsanker, falls die hohen Erwartungen an KI nicht erfüllt werden. Europa wird nicht gekauft, weil alles perfekt läuft. Der Reiz liegt vielmehr in den tiefen Erwartungen und den deutlich günstigeren Bewertungen (Quelle: Wall Street Journal, 12.6.26).
  • In der aktuellen Ausgabe der US-Finanzzeitschrift «Barron’s» ist Nestlé prominent auf der Titelseite. Nestlé arbeitet an einem Turnaround, der bei Anlegern zunehmend auf Interesse stösst. Die Aktie verlor seit Anfang 2022 rund 40%, belastet durch schwaches Wachstum, verfehlte Übernahmen und mehrere CEO-Wechsel. Der neue CEO Philipp Navratil konzentriert sich wieder auf die profitablen Kernbereiche Kaffee, Tiernahrung, Snacks und Ernährung. Gleichzeitig sollen 16'000 Stellen abgebaut und bis 2027 rund CHF 3 Mia. eingespart werden. Erste Fortschritte sind sichtbar: Das Absatzwachstum lag im ersten Quartal bei +1.2% gegenüber dem Vorjahr. Die Bewertung ist interessant. Nestlé wird mit einem erwarteten KGV von 17.8 für 2026 gehandelt, deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt von rund 23. Gleichzeitig erwarten Analysten bis 2030 einen Anstieg des operativen Gewinns um 21% sowie einen Anstieg des freien Cashflows von CHF 9.2 Mia. auf CHF 12.9 Mia. Die Dividende wurde seit 1996 jedes Jahr erhöht und liegt aktuell bei knapp 4% (Quelle: Barron’s, 10.6.26).
  • Die KI-Revolution am Beispiel OpenAI. OpenAI erwartet bis 2029 ein jährliches Umsatzwachstum von 108%.Michael Mauboussin und Dan Callahan, Morgan Stanley Investment Management, erklären, dass sich in historischen Daten von fast 19'000 Unternehmensperioden kein vergleichbarer Fall finden lässt. Die Studie von Morgan Stanley zeigt, dass Aktien mit Bewertungen von mehr als dem Zehnfachen des Umsatzes in den vergangenen 40 Jahren den S&P 500 deutlich unterperformt haben. Die Börsengeschichte zeigt, dass nur wenige Unternehmen die extrem hohen Erwartungen tatsächlich erfüllen. Entscheidend wird daher die Titelselektion sein – nicht das blosse Investieren in das Thema KI (Quelle: Wall Street Journal, 12.6.26; Morgan Stanley Global Insights, 10.2.26).
  • Scott Galloway, US-Unternehmer, Prof. Univ. Stern School of Business, NY, sieht in GLP-1-Medikamenten wie Ozempic, Wegovy - beide von Novo Nordisk - oder den neuen Produkten von Eli Lilly einen der am meisten unterschätzten Anlagetrends. Die Medikamente entwickeln sich vom reinen Abnehmpräparat zu einer breiteren Gesundheitsplattform mit möglichen Anwendungen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe oder Suchtverhalten. Daraus könnten sich auch Zweitrundeneffekte entwickeln. Weniger Gewicht und veränderte Konsumgewohnheiten könnten Branchen wie Fast Food, Alkohol oder Bekleidung beeinflussen. Galloway glaubt, dass die wirtschaftlichen Folgen von GLP-1 in den nächsten zehn Jahren ähnlich bedeutend werden könnten wie jene von KI (Quelle: Scott Galloway, The Weight: America on GLP-1s, 12.6.26).
  • Prioritäten setzen klingt einfach, ist in der Praxis aber eine der wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Managementaufgaben. Menschen neigen dazu, möglichst viele Ziele gleichzeitig zu verfolgen, selbst wenn dies die Erfolgschancen reduziert. Oft werden Aufgaben bevorzugt, die schnell ein Erfolgserlebnis bringen, statt jene mit dem grössten Nutzen. Das zeigt sich bei Privatpersonen ebenso wie in Unternehmen. Viele Firmen verteilen Zeit und Ressourcen auf zu viele Projekte gleichzeitig und verlieren dadurch an Wirkung. Hilfreich sind einfache Priorisierungsmodelle, wichtiger ist aber die konsequente Umsetzung. Donald Sull, Professor am MIT, zeigt, dass sich in vielen Unternehmen nicht einmal die Führungskräfte über die wichtigsten Prioritäten einig sind. Gute Priorisierung bedeutet deshalb drei Dinge: auswählen, klar kommunizieren und andere Projekte bewusst stoppen (Quelle: The Economist, 11.6.26).

Zeitlos aktuell:📕

Anlagegrundsätze, nach Chris Davis, Chairman und Portfolio Manager von Davis Advisors. Davis gilt als einer der profiliertesten Vertreter des Value Investing, der stark von Warren Buffett und Charlie Munger beeinflusst wurde. Er sitzt im VR von Berkshire Hathaway. 

Davis betrachtet Aktien als Unternehmensbeteiligungen, nicht als Handelspapiere. Er warnt vor der aktuellen KI-Euphorie und Momentum-Aktien, da aussergewöhnlich hohe Wachstumsraten meist neue Konkurrenz anziehen und Margen unter Druck geraten.

Seine wichtigsten Auswahlkriterien für Aktien:

  • Langlebige und verständliche Geschäftsmodelle
  • Hohe Kapitalrenditen
  • Nachhaltige Wettbewerbsvorteile
  • Integrität und Kapitalallokation des Managements
  • Profitables und langfristig verteidigbares Wachstum
  • Solide Bilanz und finanzielle Stärke
  • Vernünftige Bewertung mit ausreichender Sicherheitsmarge

(Quelle: Barry Ritholtz, Masters in Business Podcast mit Chris Davis, Juni 2026)

Kalender:📅

Zinsentscheide: Japan, Australien, Schweden, USA, Schweiz, Norwegen, England

Mo: Industrieproduktion (EU), NY Fed Manufacturing, Industrieprod. (US)

Di: Zinsentscheid (J und AUD), Industrieprod., Detailhandel (China)

Mi: Inflation (UK, EU), Zinsentscheid Fed (US)

Do: Zinsentscheid (SNB, UK), Jobless Claims, June TripleWitching Day (US), WM USA - Schweiz: Bosnien und Herzegowina, 21.00h (SG Zeit)

Fr: Inflation (J), Feiertag Juneteenth (US)

Quotes:👩‍💻

  • There is nothing wrong with cash. It gives you time to think.” Robert Prechter, Jr., geb. 1949, US-amerik. Marktanalyst, Autor und Gründer von Elliott Wave International
  • Man braucht nicht immer talentiert zu sein, man muss aber getrieben sein. Ich bin getrieben. Ich arbeite immer.” David Hockney, 1937-2026, einer der bedeutendsten britischen Künstler, Vertreter der Pop Art

Die Märkte werden im Moment von Hoffnung getragen. Umso wichtiger bleibt es, die eigene Positionierung im Portfolio zu kennen und zu wissen, weshalb man ein Unternehmen oder einen Fonds besitzt. Die Auswahlkriterien für Aktien des renommierten Vermögensverwalters Chris Davis können dabei als Orientierung dienen (s. zeitlos aktuell). Viel Erfolg. Gerne unterstütze ich bei Fragen. 

Mit den besten Grüssen und einen guten Start in die neue Woche wünscht, 

Patrick Loser 


Wichtiger Hinweis: 

Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze. Allfällige Buchabbildungen dienen ausschliesslich der inhaltlichen Referenz im Rahmen der jeweiligen Besprechung.