From the desk of ... Fahrt geniessen - Risiken nicht vergessen
… momentan passt vieles zusammen. Der US-Arbeitsmarkt hat sich im Juli überraschend deutlich abgekühlt. Es gingen 23’000 Stellen verloren, zudem wurden die Zahlen der beiden Vormonate um insgesamt 103’000 Stellen nach unten revidiert. Damit hat zumindest ein Teil des Drucks für weitere Zinserhöhungen durch die US-Notenbank nachgelassen und der Markt rechnet nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 42% für eine Zinserhöhung im September (Quelle: Wall Street Journal, 7.8.26).
Aktien haben am vergangenen Freitag nach Bekanntgabe der Arbeitsmarktdaten zugelegt, unter dem Motto: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.
- Dave Rosenberg warnt: Die Beschäftigung ausserhalb der Landwirtschaft liegt nur noch 0.2% über dem Vorjahr und die durchschnittlichen Stundenlöhne stiegen im Juli nur um +0.1% gegenüber dem Vormonat und um +3.2% gegenüber dem Vorjahr. Das ist das schwächste Lohnwachstum seit über fünf Jahren (Quelle: Rosenberg Research, 8.8.26).
Gleichzeitig kommt von der wichtigsten Seite kräftige Unterstützung: von den Unternehmensgewinnen.
Die nachstehende Grafik zeigt das Gewinnwachstum der Unternehmen im S&P 500 gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal in % seit 2016. Jeder Balken entspricht einem Quartal. Für das 2. Quartal 2026 zeichnet sich ein Gewinnwachstum von rund +47.4% gegenüber dem Vorjahr ab. Das wäre das stärkste Wachstum seit fünf Jahren.
Die Zahl basiert auf den bereits veröffentlichten Ergebnissen von mehr als 300 S&P-500-Unternehmen sowie Analystenschätzungen für die noch ausstehenden Resultate (Quelle: FactSet, 9.8.26)
Grafik: Gewinnwachstum des S&P500 seit 2016 gegenüber dem Vorjahresquartal (Quelle: KI-generiert, FactSet, 9.8.26)

Der amerikanische Aktienindex S&P 500 ist in den vergangenen zwölf Monaten um 22% gestiegen. Gleichzeitig ist das erwartete KGV von 22.1x auf rund 20x gefallen. Die Aktien sind also trotz steigender Kurse heute etwas günstiger bewertet als vor einem Jahr.
- Die Gewinnstärke im S&P 500 ist inzwischen deutlich breiter abgestützt. Fast 90% der Unternehmen haben im 2. Quartal die Erwartungen übertroffen und acht der elf Sektoren weisen ein zweistelliges Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahresquartal aus. Hugh Gimber, globaler Marktstratege bei JPMorgan Asset Management, bezeichnet die Resultate als sehr solide. Technologie bleibt ein wichtiger Treiber, inzwischen liefern aber deutlich mehr Branchen gute Ergebnisse. Richard Saldanha, Aktienportfoliomanager bei Aviva Investors, hält diese Verbreiterung für entscheidend: Der Aktienmarkt könne auf Dauer nicht nur von Technologie getragen werden (Quelle: Financial Times, 2.8.26).
Auch ausserhalb der USA sind die Unternehmensgewinne robust, und mehrere europäische Aktienmärkte erreichten zuletzt neue Rekordstände.
- die Gewinne können den Markt fundamental rechtfertigen. Gefährlich wird es, wenn Anleger nicht mehr auf die Gewinne schauen, sondern vor allem kaufen, weil die Kurse steigen, sagt Michael J. Mauboussin, Head of Consilient Research bei Morgan Stanley (Quelle: Morgan Stanley, Wisdom of Crowds, 5.8.26)
Auch die Markttechnik spricht derzeit für die Bullen. Der S&P 500 schloss am Freitag auf einem neuen Rekordstand und durchbrach die seit Mitte Mai bestehende Zone um 7’500 Punkte. Fast drei Viertel der S&P500-Unternehmen notieren wieder über ihrem 200-Tage-Durchschnitt (Quelle: Wall Street Journal, 5.8.26). Der Index liegt rund 3.5% über der 50-Tage- und knapp 10% über der 200-Tage-Linie. Das ist erhöht, historisch aber noch nicht extrem. Seit dem Tief im Oktober 2022 hat der S&P 500 rund 117% zugelegt. Historisch ist das für einen Bullenmarkt noch keine aussergewöhnliche Entwicklung. Wall Street-Motto: Bullenmärkte sterben nicht an Altersschwäche, sondern wenn die Unternehmensgewinne einbrechen.
Ganz ohne Unsicherheit ist dieses Bild natürlich nicht. Je stärker die Gewinne und je höher die Erwartungen, desto weniger Raum bleibt für Enttäuschungen. Megan Horneman, Anlagechefin bei Verdence Capital Advisors, warnt denn auch vor einer gewissen Sorglosigkeit, weil die Gewinnschätzungen laufend nach oben angepasst werden.
Ganz sorglos sollten Anleger wirklich nicht werden. Der „Bull-&-Baer-Indikator“ der Bank of America notiert bei 9.7 und ist damit auf den höchsten Stand seit 2021 gestiegen. Dieser Stand könnte als „Contrarian-Indikator” gewertet werden und zum Wall Street-Motto passen: If it can’t get any better, it won’t!
‼️ Heutige Kernbotschaften:
- Der Arbeitsmarkt kühlt ab, die Gewinne bleiben stark, das Zinsrisiko ist leicht gesunken. Das spricht weiterhin für ein günstiges Aktienumfeld
- Die Messlatte liegt hoch. Starke Gewinne werden erwartet, Enttäuschungen werden entsprechend hart bestraft
- Konstruktiv bleiben, Defensive nicht vergessen, Risikomanagement bleibt wichtig
Damit führt der Weg direkt zum nächsten wichtigen Termin. Kommende Woche richtet sich der Blick auf die US-Inflation. Bleibt sie hoch, könnte die Diskussion über weitere Zinserhöhungen schnell zurückkommen.
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Wir starten gleich mit den …
🗞️ News aus den Finanzmedien:
- Rosenberg ergänzt, dass das S&P-500-Gewinnwachstum ohne Energieunternehmen sowie Unternehmen, die direkt oder indirekt vom KI-Boom profitieren, nur bei rund +4% gegenüber dem Vorjahr liege (Quelle: Rosenberg Research, 5.8.26)
- KI demokratisiert zunehmend auch komplexe Handelsstrategien. Was früher vor allem grossen Hedgefonds vorbehalten war, können heute auch Privatanleger mit KI-Modellen umsetzen. Das birgt allerdings neue Risiken. Irene Aldridge, Gründerin der Research-Firma AbleMarkets, weist darauf hin, dass viele KI-Modelle dieselben Daten analysieren und dadurch zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Folgen immer mehr Anleger den gleichen Signalen, könnten sich Kauf- und Verkaufswellen verstärken. KI könnte damit nicht nur den Zugang zu komplexen Anlagestrategien vereinfachen, sondern auch für stärkere Kursschwankungen sorgen (Quelle: cash, 3.8.26).
- Der schwache Yen wird zunehmend auch für die globalen Anleihenmärkte relevant. Die Rendite 30-jähriger japanischer Staatsanleihen ist von 0.15% p.a. im Sommer 2019 auf fast 4% gestiegen. Michael Green, Chefstratege und Portfoliomanager bei Simplify Asset Management, erklärt: Japanische Versicherer können damit wieder attraktiver im eigenen Land investieren und müssen weniger US-Staatsanleihen kaufen. Gleichzeitig sitzen japanische Anleger dank des schwachen Yen auf hohen Währungsgewinnen ihrer US-Anlagen. Da der Zinsvorteil in den USA praktisch verschwunden ist, könnte weiteres Kapital nach Japan zurückfliessen und damit Aufwärtsdruck auf die US-Renditen ausüben (Quelle: Barron’s, 7.8.26).
- Berkshire Hathaway zeigt unter dem neuen CEO Greg Abel erstmals wieder deutlich mehr Aktivität. Der operative Gewinn stieg im 2. Quartal im Jahresvergleich um +16% auf USD 13 Mia. Besonders interessant sind die Kapitalbewegungen: Berkshire kaufte eigene Aktien für USD 4.5 Mia. zurück und investierte netto rund USD 20 Mia. in Aktien. Allein USD 10 Mia. flossen in Alphabet. Gleichzeitig bleibt der Sicherheitspuffer enorm: Berkshire hält USD 365 Mia. an Cash, davon USD 325 Mia. in US-Treasury-Bills. Die kräftigen Aktienrückkäufe könnten ein Signal sein, dass Abel und Buffett die eigene Aktie nach ihrer bisherigen Underperformance für attraktiv bewertet halten (Quelle: Barron’s, 8.8.26).
- Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, warnt vor der hohen Verschuldung an den Finanzmärkten und gleichzeitig vor neuem Inflationsdruck. Die Margin-Schulden seien so hoch wie noch nie. Dazu komme versteckte Hebelung bei Hedgefonds, Prime Brokern, ETFs und Treasury-Geschäften. Jamie Dimon erklärt: Bei so viel Fremdkapital könne bereits der Ausfall eines einzelnen Investors oder Fonds kurzfristig grössere Turbulenzen auslösen. Eine systemische Gefahr wie 2008 sieht er derzeit aber nicht. Gleichzeitig könnten hohe Staatsdefizite, Infrastrukturinvestitionen und vor allem die weltweite Aufrüstung die Inflation längerfristig wieder anheizen (Quelle: CNBC, 5.8.26).
- Der Hotdog macht Karriere: Beim Formel-1-Rennen in Miami sorgte der «Golden Glizzy» für USD 100 für Aufsehen. Serviert wird er mit Crème fraîche, Mascarpone, 30 Gramm Ossetra-Kaviar und essbarem 24-Karat-Gold. Das Angebot war ausverkauft und wurde in sozialen Medien zum Hit. Auch andernorts entstehen Hotdogs mit Kaviar, internationale Varianten oder ganze Hotdog-Türme. Bezahlt wird nicht nur für das Essen, sondern auch für ein Erlebnis, das sich gut teilen lässt. Zum Vergleich: Bei Costco kostet die klassische Kombination aus Hotdog und Getränk seit Mitte der 1980er-Jahre USD 1.50 (Quelle: Wall Street Journal, 6.8.26).
🏦 Anlageüberlegungen:
nur für Marketingzwecke, keine aktive Kauf-/Verkaufsempfehlung
- Gold hat erstmals seit Juni wieder die Marke von USD 4‘250 je Unze überschritten. UBS sieht weiteres Potenzial und erwartet im 1. Halbjahr 2027 einen Anstieg in Richtung USD 5‘000/5‘200. Unterstützung sollen tiefere Realzinsen, ein schwächerer US-Dollar und die anhaltenden Käufe der Zentralbanken liefern. Allein im 2. Quartal kauften diese 289 Tonnen Gold. Für das Gesamtjahr rechnet UBS mit 750 bis 1‘000 Tonnen. Kurzfristige Rückschläge in Richtung USD 3’850/4'000 je Unze (wegen Zinserhöhungsrisiko) sieht die Bank deshalb eher als Gelegenheit, Goldpositionen aufzubauen (Quelle: UBS CIO, Giovanni Staunovo, 3.8.26).
📕 Zeitlos aktuell:
- Die 10 «Public Speaking Secrets» von Steve Jobs (Quelle: LinkedIn, Natan Mohart, 8.8.26). Eine Kombination aus Story, Dramaturgie, Einfachheit und Vorbereitung.
1. Tell a Story – Erzähle eine Geschichte. Fakten informieren, Geschichten bleiben hängen. Baue eine Präsentation deshalb um eine klare Geschichte herum, statt lediglich Informationen aneinanderzureihen.
2. Create the «Holy Shit» Moment. Jede gute Präsentation braucht einen Moment, an den sich das Publikum erinnert. Jobs’ berühmtes Beispiel: 2008 zog er das extrem dünne MacBook Air aus einem gewöhnlichen Briefumschlag.
3. Show Passion – Zeige Begeisterung. Begeisterung überträgt sich. Wer selbst sichtbar von seiner Botschaft überzeugt ist, erhöht Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit.
4. Use the Rule of Three – Nutze die Dreierregel. Drei Botschaften sind leichter zu verstehen und zu erinnern als fünf oder zehn. Jobs präsentierte das iPhone beispielsweise als Kombination aus iPod, Telefon und Internet-Kommunikationsgerät.
5. Power Pause – Nutze bewusst Pausen. Nach einer wichtigen Aussage nicht sofort weitersprechen. Eine kurze Pause signalisiert Bedeutung und gibt dem Publikum Zeit, die Botschaft aufzunehmen.
6. Bring the Villain – Zeige zuerst das Problem. Bevor die Lösung präsentiert wird, muss das Publikum verstehen, welches Problem überhaupt gelöst werden soll. Das schafft Spannung und Relevanz.
7. Then Bring the Hero – Präsentiere danach die Lösung. Erst jetzt kommt das Produkt, die Idee oder die eigene Empfehlung als «Held». Je klarer der Kontrast zwischen Problem und Lösung, desto überzeugender die Botschaft.
8. Keep it Visually Simple – Visuell radikal vereinfachen. Eine Idee pro Folie. Möglichst wenig Text, keine überladenen Charts. Die Aufmerksamkeit soll beim Redner und seiner Botschaft bleiben – nicht beim Lesen der Präsentation.
9. Use a One-Sentence Summary – Ein Satz muss genügen. Die zentrale Botschaft sollte sich in einem einzigen prägnanten Satz ausdrücken lassen. Wenn das nicht möglich ist, ist die Botschaft wahrscheinlich noch nicht klar genug.
10. Rehearse Ruthlessly – Übe konsequent. Was bei Steve Jobs spontan und mühelos wirkte, war intensiv vorbereitet. Präsentationen wurden tagelang geprobt, inklusive Übergängen und Pausen. Natürlichkeit auf der Bühne ist häufig das Ergebnis harter Vorbereitung.
Die eigentliche Jobs-Formel: Geschichte → Problem → Spannung → Lösung → Kernbotschaft → Pause. Und alles getragen von Einfachheit, Begeisterung und sehr guter Vorbereitung.
📅 Kalender:
- Fokus auf US-Inflation am Mittwoch
Di: Hausverkäufe (US), Zinsentscheid Australien
Mi: Inflation (D), CPI-Inflation July, erw. 3.4%, Kernrate, erw. 2.5%, 10-jährige Auktion US-Staatsanleihen, Volumen USD 42 Mia. (US), Zahlen: Cisco
Do: Industrieproduktion (UK), Zinsentscheid Norwegen, 30-jährige Auktion US-Staatsanleihen, Volumen USD 25 Mia. (US), Zahlen: Applied Materials
Fr: BIP 2. Qtr. (EU), Detailhandel, Univ. of Michigan (US),
👨🔬 Quotes:
- „What should you do with your money next year? The same things you should have done this year, and the year before, and the year before that.“ Jonathan Clements (1963-2025), Wall Street Journal Kolumnist
- „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute: Seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ George Bernard Shaw (1856-1950), irischer Schriftsteller, erhielt 1925 den Nobelpreis für Literatur
Vieles passt: Die Unternehmensgewinne sind stark, die Markttechnik und Marktbreite stimmen, und der schwächere Arbeitsmarkt nimmt etwas Druck von den Zinsen. Das Umfeld bleibt damit konstruktiv, auch wenn hohe Erwartungen und Bewertungen wenig Raum für Enttäuschungen lassen.
Trotzdem: In einem offensiven Marktumfeld darf man die Defensive nicht vergessen.
Mit den besten Grüssen.
Einen guten Start a) in die neue Woche b) ins neue Schuljahr c) oder weiter erholsame Ferientage wünscht,
Patrick Loser
Quiz: Star Battle - Das Viereck ist in 10 verschiedene Bereiche unterteilt. Jeder Bereich, jede Zeile und jede Spalte enthalten genau zwei Sterne. Sterne dürfen sich nicht berühren – auch nicht diagonal (Quelle: Krazydad).
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