From the desk of ... Diversifikation gewinnt
… das erste Halbjahr ist bereits Geschichte. Trotz geopolitischer Spannungen, Zollstreitigkeiten und anhaltender Diskussionen über KI, Inflation und Staatsverschuldung haben die globalen Aktienmärkte deutlich zugelegt.
- Das Schulungsportfolio erzielte nach Kosten eine Rendite von +9.9% per 30.6.26. Die wichtigsten Treiber waren wohl die robusten Unternehmensgewinne, die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz und die verbreiterte Marktavance über Techwerte hinaus. Die einzelnen Bausteine im Portfolio haben sich per Ende Juni wie folgt entwickelt (in CHF): Aktien Global passiv +11.6%, Aktien Europa passiv +10.1%, Aktien Schweiz passiv +9.8% und Aktien Schweiz Mid Caps aktiv +8.4%.
Der US-Arbeitsmarkt hat letzte Woche klare Abkühlungssignale gesendet. Im Juni entstanden lediglich 57'000 neue Stellen. Zudem wurden die Zahlen der beiden Vormonate um insgesamt 74'000 Stellen nach unten revidiert. Dadurch fällt der Durchschnitt der letzten drei Monate von 188’000 auf nur noch 111’000 neue Stellen pro Monat. Entsprechend gingen die Zinserwartungen zurück, und der US-Dollar verlor an Wert. Gleichzeitig erklärte Fed-Chef Kevin Warsh, dass die Inflationsrisiken zuletzt zurückgegangen seien. Zinshinweise gab Warsh nicht. Vor diesem Hintergrund könnte der Markt die Risiken einer deutlich restriktiveren Geldpolitik überschätzt haben.
Das Bild könnte auf eine Kombination aus nachlassendem Wachstum und langsam sinkendem Inflationsdruck hinweisen. Den Aktienmärkten würde das durchaus gefallen.
An der Wall Street wurde letzte Woche die Sektorrotation und die damit verbundene breitere Börsenrally begrüsst.
Heutige Kernbotschaften:
- Erstes Halbjahr erfreulich, Schulungsportfolio +9.9% nach Kosten
- US-Arbeitsmarkt zeigt Schwäche, der Blick auf die Zinsen bleibt entscheidend
- Die Rotation läuft, die Diversifikation wird wichtiger
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Ein lesenswerter Beitrag in der Financial Times stammt diese Woche von Ian Hartnett, Mitgründer und Chefstratege bei Absolute Strategy Research. Er zieht darin spannende Parallelen zur Geschichte der Finanzmärkte.
Meine Notizen und Überlegungen dazu: Der US-Aktienmarkt ist teuer, aber hohe Bewertungen allein beenden selten eine Hausse. Ian Harnett erinnert daran, dass US-Aktien seit Oktober 2022 um mehr als 100% gestiegen sind und seit dem Tief nach der Finanzkrise 2009 sogar rund das Zehnfache erreicht haben. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis vergangener Gewinne liegt bei 28.4 und damit rund 40% über dem Durchschnitt der letzten 40 Jahre. Trotzdem sieht Harnett noch kein klares Ende des Bullenmarkts. Historisch wurden grosse Börsenhochs meist erst durch kräftige Zinserhöhungen beendet. Vor den Hochs von 1907, 1929, 1973 und 2000 stiegen die Leitzinsen um zwei bis vier Prozentpunkte. Heute preist der Markt nur rund plus 0.5 Prozentpunkte ein. Die grössere Gefahr sieht Harnett beim KI-Boom. Entscheidend sei nicht nur, ob Nvidia oder andere Anbieter weiter wachsen, sondern ob Banken, Industrie, Medien, Transport und Gesundheitswesen mit KI genügend Produktivität und Cashflow erzielen. Erst wenn diese Kunden ihre Investitionen kürzen, könnte der Boom ernsthaft ins Wanken geraten(Quelle: Financial Times, What will murder the bull market?, 1.7.26).
News aus den Finanzmedien:🗞️
- Passend dieser Hinweis zu Margin-Krediten: Die Verschuldung der Anleger über sogenannte Margin-Kredite hat in den USA einen neuen Rekord erreicht. Ende Mai belief sich das ausstehende Volumen auf USD 1'420 Mia., ein Anstieg von knapp 55% gegenüber dem Vorjahr. Bei Margin-Krediten leihen sich Investoren Geld von ihren Banken, um zusätzliche Wertschriftenkäufe zu tätigen. Steigen die Kurse, erhöht dies den Gewinn. Fallen die Märkte, verstärken die Kredite jedoch die Verluste und können Zwangsverkäufe auslösen. Im Verhältnis zur US-Wirtschaft liegt die Margin Debt heute bei 4.45% des BIP. Der historische Median beträgt lediglich 2.37%. Vergleichbar hohe Werte wurden zuletzt vor den Marktkorrekturen der Jahre 2000, 2007 und 2021 erreicht. Margin Debt ist kein Timing-Indikator. Eine hohe Verschuldung löst keine Börsenkorrektur aus, kann sie im Falle einer Trendwende aber deutlich verstärken (Quelle: Steve Blumenthal, On My Radar, 3.7.26)
- Die Erwartungen an die Gewinne der US-Unternehmen steigen derzeit so schnell wie seit der Erholung nach der Corona-Pandemie 2021 nicht mehr. Analysten rechnen für die Unternehmen im S&P 500 in den kommenden zwölf Monaten mit einem Gewinnwachstum von +25%. Ben Inker, Co-Leiter Asset Allocation bei GMO, warnt jedoch, dass die Gewinnschätzungen in den letzten sechs Monaten ungewöhnlich stark gestiegen seien und der Markt irgendwann erkennen könnte, dass sich diese Erwartungen nicht vollständig erfüllen lassen. Auch Michel Lerner, Leiter der Investmentanalyseplattform HOLT bei UBS, spricht von einer möglichen «Earnings Bubble». Er erklärt, viele KI-Unternehmen würden heute so bewertet, als könnten sie ihre aussergewöhnlich hohen Gewinne dauerhaft halten. Nicht die Bewertungen allein, sondern die inzwischen sehr hohen Gewinnerwartungen könnten zur grössten Herausforderung werden (Quelle: Financial Times, 3.7.26).
- Die amerikanische Sonderstellung an den Finanzmärkten wird seit Jahren infrage gestellt. Nach der Finanzkrise 2008 oder mit Chinas Aufstieg wurde ihr Ende mehrfach vorausgesagt. Michael Cembalest, Vorsitzender der Markt- und Anlagestrategie bei J.P. Morgan, hält dagegen. Der oft ausgerufene «Sell America»-Trade habe bisher nicht funktioniert und US-Aktien hätten seit 1990 praktisch alle wichtigen Anlageklassen weltweit übertroffen. Liz Ann Sonders, Chef-Anlagestrategin bei Charles Schwab, sieht die Gründe in den tiefen und liquiden Kapitalmärkten, der Rechtssicherheit, der Dominanz des US-Dollars und der führenden Rolle der USA bei Künstlicher Intelligenz. Solange kein anderer Wirtschaftsraum diese Kombination bieten kann, dürfte die Sonderstellung der USA bestehen bleiben (Quellen: Barron's und Financial Times, 3./4.7.26).
- Der KI-Boom stösst zunehmend auf politischen und gesellschaftlichen Widerstand. In den USA wurden allein im ersten Quartal 75 Rechenzentrumsprojekte im Wert von rund USD 130 Mia. verzögert oder gestoppt. Das entspricht bereits dem gesamten Jahr 2025. Anwohner sorgen sich vor allem um steigende Strompreise, Lärm und den hohen Energieverbrauch. Joe Light, Journalist bei Barron's, sieht darin ein neues Risiko für den KI-Sektor. Besonders kleinere Betreiber von Rechenzentren könnten unter Verzögerungen leiden. Der Ausbau der KI-Infrastruktur wird zunehmend auch eine politische Herausforderung (Quelle: Barron's, 2.7.26).
- Private-Credit-Fonds stehen unter Druck. Im zweiten Quartal wollten Anleger USD 15.6 Mia. abziehen, ausbezahlt wurden jedoch nur USD 5.9 Mia. Mehrere Anbieter, wie Blackstone, Blue Owl, Apollo oder Ares, begrenzen Rücknahmen inzwischen, um genügend Liquidität zu sichern. Gleichzeitig brachen die Neugelder ein. Im Mai flossen der Branche nur noch rund USD 500 Mio., der tiefste Wert seit mindestens 18 Monaten (Quelle: Wall Street Journal, 2.7.26).
- Deutschland will sein Rentensystem grundlegend reformieren und damit gleichzeitig den Kapitalmarkt stärken. Künftig sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber nach einer vierjährigen Übergangsphase je 1% des Lohns in persönliche Vorsorgekonten einzahlen, die am Kapitalmarkt investiert werden. Zusätzlich wird das Rentenalter schrittweise an die steigende Lebenserwartung angepasst. Jan Schildbach, Leiter Kapitalmarktforschung bei der Deutschen Bank, schätzt, dass dadurch jährlich rund EUR 80 Mia. zusätzlich an die Finanzmärkte fliessen könnten. Für Anleger könnte das langfristig ein wichtiger Rückenwind für den deutschen und europäischen Kapitalmarkt sein (Quelle: Barron's, 1.7.26).
- Die USA führen per 4. Juli die sogenannten Trump Accounts ein. Für jedes zwischen dem 1.1.2025 und 31.12.2028 geborene Kind zahlt der Staat einmalig USD 1'000 auf ein Anlagekonto ein. Eltern können zusätzlich bis zu USD 5'000 pro Jahr (steuerbegünstigt) einzahlen. Standardmässig wird in den State Street SPDR Portfolio S&P 500 ETF (Ticker: SPYM) investiert. Zur Auswahl stehen weitere vier kostengünstige US-Aktienindexfonds (Tickers: IVV, VTI, SPTM, ITOT, Kosten TER 0.02%-0.03% p.a.). Anleihen oder internationale Aktien sind nicht zugelassen. Ziel ist es, den langfristigen Vermögensaufbau zu fördern. Kritisiert wird jedoch die fehlende Diversifikation (Quelle: Barron's, 2.7.26).
- Dieses Wochenende feierten die USA ihren 250. Geburtstag. Die politische Stimmung ist heute so polarisiert wie selten. Die Geschichte zeigt aber, dass Krisen, Konflikte und heftige Richtungswechsel in den USA nichts Neues sind. Der Historiker Hiram Kümper erklärt, dass die Geschichte Amerikas seit der Gründung von Spannungen geprägt ist. Freiheit und Gleichheit waren immer ein Versprechen, das nie vollständig eingelöst wurde. Gleichzeitig gehörten politische Konflikte, gesellschaftliche Spaltungen und Machtkämpfe von Anfang an zur Entwicklung des Landes. Kümper betont, dass genau diese Fähigkeit, Krisen auszuhalten und sich immer wieder neu zu erfinden, ein wesentlicher Teil der amerikanischen Geschichte ist. Wer heute auf die USA blickt, sollte deshalb aktuelle politische Turbulenzen in einen historischen Kontext stellen. Donald Trump wäre aus dieser Perspektive eher eine Episode als eine grundlegende Abkehr vom amerikanischen System. Die Geschichte der USA war selten geradlinig, wirtschaftliche Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit haben sich aber über Jahrzehnte immer wieder durchgesetzt (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.6.26).
- Ein guter Freund und Leser meines «From the desk of» hat mich auf ein Buch von Bronnie Ware aufmerksam gemacht. Die Lektüre hat mich beeindruckt. Bronnie Ware ist eine australische Autorin und ehemalige Palliativpflegerin. Während vieler Jahre begleitete sie Menschen in ihren letzten Lebenswochen. Dabei stellte sie fest, dass sich bestimmte Gedanken und Reuepunkte immer wieder wiederholten. Aus diesen Gesprächen mit Sterbenden entstand ihr weltweit bekanntes Buch «The Top Five Regrets of the Dying» (Quelle: Bronnie Ware, The Top Five Regrets of the Dying, 2012). Die häufigste Reue war, nicht den Mut gehabt zu haben, das eigene Leben zu leben, sondern die Erwartungen anderer zu erfüllen. An 2. Stelle stand die Arbeit. Viele bereuten nicht, hart gearbeitet zu haben, sondern zu wenig Zeit mit Familie und Freunden verbracht zu haben. Ebenso bedauerten viele, Gefühle wie Liebe, Dankbarkeit oder Enttäuschung nie offen ausgesprochen zu haben. Ein 4. Punkt war die Vernachlässigung langjähriger Freundschaften. Am meisten überraschte Bronnie Ware jedoch der 5. Punkt: Viele Menschen erkannten erst spät, dass Glück oft eine bewusste Entscheidung ist: Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein (Quelle: Bronnie Ware, The Top Five Regrets of the Dying, 2012).
Zeitlos aktuell: 👨🔬
Seth Klarman - acht Anlagegrundsätze für langfristig erfolgreiche Anleger.
Seth Klarman gehört zu den erfolgreichsten Value-Investoren der letzten Jahrzehnte. Seit 1982 führt er die Baupost Group und gilt als einer der diszipliniertesten Investoren der Wall Street. Im Interview mit Barry Ritholtz sprach er über zeitlose Grundsätze des Investierens.
1. Handlungsfähig bleiben. Die besten Kaufgelegenheiten entstehen meist in Krisen. Entscheidend ist deshalb, jederzeit genügend Reserven zu haben und eine Liste mit Kaufskandidaten parat zu haben.
2. Liquidität ist ein Wettbewerbsvorteil. Cash ist für Klarman keine unproduktive Anlage, sondern Flexibilität. Wer liquide ist, kann kaufen, wenn andere verkaufen müssen.
3. Günstig allein genügt nicht. Eine Aktie ist nicht automatisch attraktiv, nur weil sie billig aussieht. Billig ist keine Strategie. Es braucht einen guten Grund, weshalb der Markt ihren wahren Wert künftig erkennen soll. Sonst könne eine Aktie jahrelang billig bleiben oder noch billiger werden.
4. Unsicherheit akzeptieren. Die Welt ist selten schwarz oder weiss. Märkte können hoch bewertet sein und trotzdem weiter steigen. Erfolgreiche Anleger lernen, mit Unsicherheit zu leben, statt nach einfachen Antworten zu suchen.
5. Einzelne Unternehmen statt Prognosen. Niemand kann Wirtschaft, Politik oder Zinsen zuverlässig vorhersagen. Klarman konzentriert sich deshalb seit über 40 Jahren auf einzelne Unternehmen und deren Bewertung.
6. Die grössten Renditen entstehen oft dort, wo niemand hinschaut. Seine Logik: Wenn eine Branche jahrelang schlechte Schlagzeilen produziert, verschwindet die Konkurrenz. Genau dann entstehen oft die interessantesten Chancen.
7. Geschichte studieren. Frühere Börsenkrisen wiederholen sich nie exakt, die Reaktionen der Menschen dagegen erstaunlich oft. Wer die Finanzgeschichte kennt und versteht, trifft in turbulenten Zeiten meist bessere Entscheidungen.
8. Geduld ist oft der grösste Vorteil. Man muss nicht auf jede Marktbewegung reagieren. Viele Ideen verwirft Baupost wieder. Investiert wird nur dann, wenn Chancen und Risiken in einem aussergewöhnlich guten Verhältnis stehen (Quelle: Barry Ritholtz, Interview mit Seth Klarman, The Baupost Group, 23.6.26).
Kalender: 📅
Di, 7.7.26, 22.00 Uhr - WM-Achtelfinal Schweiz - Kolumbien
Mo: Notenbanker aus aller Welt treffen sich in Sintra (P), Industrieaufträge (D), Arbeitslosigkeit (CH), ISM-Dienstleistungssektor (US),
Di: 22.00h WM 1/8-Final: Schweiz - Kolumbien
Mi: Fed Minutes (US)
Do: Inflation (China), Hausverkäufe (US), Zahlen: Pepsi
Fr: Inflation (D), Zahlen: Delta Airlines
Quotes: 👨🔬
250 Jahre USA - zeitlose Gedanken der Gründerväter
- George Washington: “The harder the conflict, the greater the triumph.”
- Thomas Jefferson: «I like the dreams of the future better than the history of the past.»
- Benjamin Franklin: «An investment in knowledge pays the best interest.»
- John Adams: «Liberty, once lost, is lost forever.»
Zum Schluss noch ein Gedanke: Das neue Trump Account für die nächste Generation soll daran erinnern, wie wichtig ein früher Start beim Vermögensaufbau mit Aktiensparen ist und das natürlich unabhängig von politischen Programmen.
Check: Bestehen finanzielle Möglichkeiten, für Kinder oder Enkelkinder frühzeitig Kapital anzulegen? Ein weiterer Blick lohnt sich auf die Vorsorge: Auf Säule-3a-Bankkonten liegen gemäss der Schweizerischen Nationalbank rund CHF 60 Mia. mit einer bescheidenen Verzinsung. Je nach Anlagehorizont, Risikofähigkeit und persönlichen, finanziellen Zielen könnte es sinnvoll sein zu prüfen, allenfalls ein Teil dieses Geldes langfristig am Kapitalmarkt zu investieren. Check.
Wer früh beginnt, breit diversifiziert investiert und seine Anlagestrategie regelmässig überprüft, schafft die besten Voraussetzungen für einen nachhaltigen Vermögensaufbau.
Für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Check.
Mit den besten Grüssen, einen guten Start in die neue Woche und/oder erholsame Sommerferien⛱️ wünscht,
Patrick Loser
Quiz: Perlen-Sudoko ähneln den klassischen Sudokus. Die Zahlen von 1–8 dürfen in jeder Horizontalen, jeder Vertikalen und jeder Perlenkette nur einmal vorkommen (Quelle: Kueng-raetsel, mittel/schwierig, Heft Nr. 131)
Wichtiger Hinweis:
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