From the desk of ... Die Stunde des Free Cashflows
… hat sicher der Aktienmarkt verändert? Früher bewegten sich die meisten Aktien gemeinsam nach oben oder nach unten. Mit anderen Worten: Anleger wollten entweder Risiken eingehen oder Sicherheit suchen. Heute entwickeln sich viele Titel unabhängig voneinander. Anleger unterscheiden immer stärker zwischen den Gewinnern und Verlierern des KI-Booms. Alex Rosenberg, Kolumnist bei Barron's, bringt diese Entwicklung auf den Punkt: Aus «Risk on / Risk off» wird zunehmend «AI on / AI off».
Dieser Trend hat auch Konsequenzen für den Gesamtmarkt. Rocky Fishman, Stratege bei Asym Research, weist darauf hin, dass fünf der elf S&P-500-Sektoren in den vergangenen fünf Monaten eine Korrelation von null oder sogar eine negative Korrelation zum Gesamtindex hatten. Früher bewegten sich die Sektoren deutlich stärker im Gleichlauf.
Jonathan Krinsky, Chefmarktstratege bei BTIG, weist darauf hin, dass sich die durchschnittliche S&P-500-Aktie in diesem Jahr an 52 von 135 Handelstagen in die entgegengesetzte Richtung des Index bewegte. 2025 war das erst an 24 Tagen der Fall, in den 2010er-Jahren nie häufiger als an 15 Tagen. Der Gesamtmarkt wirkt ruhig. Unter der Oberfläche werden die Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern aber immer grösser (Quelle: Barron's, 24.7.26). LOP: Für Anleger wird Stock Picking zunehmend anspruchsvoller. Besondere Vorsicht ist bei konzentrierten Portfolios mit grossen Einzelpositionen oder ausgeprägten Sektorengewichtungen geboten. Gleichzeitig gewinnt das Risikomanagement an Bedeutung.
‼️ Meine heutigen Kernbotschaften:
- Freier Cashflow wird zum Prüfstein des KI-Booms
- Gute Zahlen allein reichen nicht mehr. Entscheidend ist, wie Anleger darauf reagieren
- Der Nahost-Konflikt bleibt zentral. Öl beeinflusst Inflation - beeinflusst Zinsen - beeinflusst alle Anlageklassen
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Der KI-Boom geht in eine neue Phase. Bisher standen Umsatzwachstum und Gewinnentwicklung im Mittelpunkt. Jetzt achten Anleger zunehmend darauf, ob sich die milliardenschweren KI-Investitionen später auch in höheren freien Cashflows niederschlagen. Alphabet meldete vergangene Woche zwar starke Geschäftszahlen, wies wegen der hohen Investitionen aber erstmals seit dem Börsengang 2004 einen negativen freien Cashflow von USD 5.9 Mia. aus und erhöhte die Investitionen für 2026 auf bis zu USD 205 Mia. (siehe Graphik).

Auch Meta und Amazon - beide publizieren diese Woche Zahlen - dürften laut FactSet künftig zeitweise einen negativen freien Cashflow ausweisen. Mike O'Rourke, Chefmarktstratege bei JonesTrading, erklärt, Investoren fragten sich zunehmend, ob die profitabelsten Geschäftsmodelle der Tech-Branche durch den enormen Investitionsbedarf an Attraktivität verlieren könnten (Quelle: Wall Street Journal, 23.7.26).
🗞️ News aus den Finanzmedien:
- KI-Risiken rücken stärker in den Fokus. OpenAI berichtete, dass KI-Modelle während eines Sicherheitstests ihre geschützte Testumgebung (Sandbox) verlassen und versucht haben, ein anderes KI-System anzugreifen. Der Vorfall zeigt, dass mit leistungsfähigeren KI-Modellen auch die Sicherheitsrisiken zunehmen. Entsteht ein neues Risiko? Mehr staatliche Aufsicht für Frontier-Modelle. In Washington wächst der Druck. Ein Balanceakt: Zu strenge Regeln könnten gegenüber China zu einem Nachteil werden - zu lockere Regeln könnte Sicherheits- und Haftungsrisiken erhöhen (Quelle: Bloomberg, 26.7.26).
- Interessant ist auch ein Bericht von Barclays Bank PLC. Laut einer Umfrage nutzen weniger als 14% der Amerikaner KI täglich bei der Arbeit. Dieser Wert hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum verändert. Gleichzeitig sehen die Ökonomen von Barclays bisher keinen klaren Zusammenhang zwischen einer schnelleren KI-Einführung und höherem Produktivitätswachstum (Quelle: Barron’s, 24.7.26).
- Der Einfluss von KI wird immer grösser. David Rosenberg, Gründer von Rosenberg Research, zeigt, dass inzwischen Banken, Energieversorger, Industriefirmen, Bauunternehmen und der Anleihemarkt eng mit den milliardenschweren KI-Investitionen verbunden sind. Dadurch hängen immer mehr Anlageklassen vom Erfolg dieser Investitionen ab. Ein Portfolio kann auf den ersten Blick breit diversifiziert erscheinen, wirtschaftlich aber trotzdem stark vom weiteren Verlauf des KI-Booms abhängig sein. (Quelle: Rosenberg Research, 23.7.26). LOP: Zusammenhänge innerhalb des Portfolios kennen und verstehen
- Die Bank of Korea hat am 16. Juli als erste grosse Zentralbank auf die möglichen Inflationsfolgen des KI-Booms reagiert und den Leitzins um 0.25 Prozentpunkte auf 2.75% erhöht. Das ist die erste Zinserhöhung seit 3.5 Jahren. Notenbankpräsident Shin Hyun Song warnt, dass die starke Nachfrage nach Halbleitern inzwischen die gesamte Wirtschaft erfasst und für zusätzlichen Inflationsdruck sorgt. Im Juni stiegen die Exporte gegenüber dem Vorjahr um 70.8%. Das war der höchste Zuwachs seit 1978. Gleichzeitig dürfte das Wirtschaftswachstum 2026 auf 3.0% steigen, nach 1.1% im Vorjahr. Fed-Präsident Kevin Warsh erwartet dagegen, dass KI langfristig die Produktivität erhöht und die Inflation dämpft. Ed Yardeni sieht Südkorea deshalb als wichtigen Testfall dafür, ob die milliardenschweren KI-Investitionen zunächst die Inflation anheizen, bevor sie später für höhere Produktivität und tiefere Preise sorgen (Quelle: Yardeni Research, 21.7.26).
- Die Bewertung vieler KI-Aktien sorgt für Diskussionen. Ein auffälliges Beispiel ist SK Hynix. Anleger zahlen an der New Yorker Börse zeitweise 16% bis 51% mehr für die Aktie als an der Börse in Seoul. Normalerweise würden solche Preisunterschiede durch Arbitrage verschwinden. Wegen regulatorischer Hürden ist das hier aber kaum möglich. Paul Foley, Leiter Portfoliomanagement EMEA bei Dimensional Fund Advisors, erklärt, dass ein kleiner Aufpreis wegen tieferer Handelskosten oder steuerlicher Vorteile nachvollziehbar sei, nicht aber in dieser Grössenordnung. Der Wall Street Journal-Kolumnist James Mackintosh sieht darin ein weiteres Zeichen für die grosse Begeisterung rund um KI-Aktien. Historisch waren ähnliche Prämien bereits während der Dotcom-Blase zu sehen (Quelle: Wall Street Journal, James Mackintosh, 25.7.26).
- Inflation entsteht, wenn die Geldmenge schneller wächst als das Angebot an Gütern und Dienstleistungen. Historisch folgte die Konsumentenpreisinflation (CPI) der Entwicklung der US-Geldmenge M2 (Bargeld, Bankkonti, kurzfristige Termineinlagen) mit einer Verzögerung von rund 12 bis 18 Monaten. Da M2 in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 5% gestiegen ist, könnte der Inflationsdruck im kommenden Jahr trotz zuletzt tieferer CPI- und PPI-Daten wieder zunehmen. Gleichzeitig sprechen Vollbeschäftigung und hohe Ölpreise gegen rasche Zinssenkungen der US-Notenbank. Dies erklärt auch den jüngsten Anstieg der Anleiherenditen und die anhaltende Debatte über den weiteren geldpolitischen Kurs der Fed (Quelle: Bahnsen Group, 21.7.26).
- Neue Probleme schaffen oft neue Märkte. Rund um den Lake Tahoe in Kalifornien sorgen immer mehr Schwarzbären für Schäden an Häusern. Die Tiere brechen Türen und Fenster auf, plündern Kühlschränke und Vorratskammern und hinterlassen teils erhebliche Schäden. Viele Eigentümer investieren deshalb mehrere Tausend Dollar in Elektrozäune, Strommatten oder andere Schutzsysteme. Rund um dieses Problem ist eine kleine Spezialbranche entstanden. Für Anleger ist das nichts Neues. Ob KI, Cybersecurity oder Schutz vor Wildtieren: Neue Herausforderungen schaffen oft neue Geschäftsmöglichkeiten für Unternehmen, die passende Lösungen anbieten. Hinter vielen erfolgreichen Geschäftsmodellen steht deshalb nicht zwingend eine neue Erfindung, sondern häufig die Lösung eines neuen Problems (Quelle: Wall Street Journal, 23.7.26).
⛱️ Summer Etiquette
die wichtigste Regeln:
* Oberkörper frei: Nur am Strand oder Pool
* Handtuch: Nur auf dem Weg zum Strand oder Pool, nicht beim Einkaufen
* Shorts im Büro: Nur, wenn es die Firmenkultur erlaubt
* Flip-Flops: Strand ja, Büro oder Restaurant eher nein
* Sonnenbrille: Beim Begrüssen kurz abnehmen
* Hut oder Cap: In Innenräumen besser abnehmen
* Deodorant: Im Sommer Pflicht
* Sonnencreme: Fremde nur in Ausnahmefällen danach fragen
* Musik im Park oder am Strand: Leise oder Kopfhörer benutzen
* Gartenfeste: Ab ca. 21 Uhr Rücksicht auf Nachbarn
* Rasen mähen: Am Wochenende nicht vor 9 Uhr
* Alkohol: Auch früher am Tag möglich – solange man andere nicht stört
* Hotelbuffet: Mehrmals nachnehmen ist ok, aber keine Lebensmittel verschwenden
* Flugzeug: Mittelsitz erhält beide Armlehnen
* Sitz im Flugzeug: Langsam zurücklehnen
* Schuhe im Flugzeug: Nur ausziehen, wenn die Füsse nicht riechen
* Hotelbuffet: Kein grosses Lunchpaket für später mitnehmen
* Liegestühle: Nicht stundenlang mit einem Handtuch reservieren
* Ferienfotos: Nur ausgewählte Highlights teilen, nicht jede Kleinigkeit
* Im Ausland: Wenigstens «Bitte» und «Danke» in der Landessprache lernen
Kernaussage: Gute Sommer-Etikette bedeutet vor allem Rücksicht, Höflichkeit und gesunden Menschenverstand (Quelle: The Guardian, 25.7.26)
📕 Zeitlos aktuell
Cashflow und Free Cashflow
Der Cashflow beschreibt, wie viel Geld innerhalb eines bestimmten Zeitraums in ein Unternehmen hinein- und wieder hinausfliesst.
Der freie Cashflow (Free Cashflow, FCF) ist das Geld, das einem Unternehmen nach allen laufenden Ausgaben und Investitionen tatsächlich übrigbleibt. Mit diesem Geld kann es Schulden zurückzahlen, Dividenden ausschütten, eigene Aktien zurückkaufen oder neue Projekte finanzieren. Der freie Cashflow zeigt, ob ein Unternehmen sein Wachstum aus eigener Kraft finanzieren kann oder zusätzliches Kapital benötigt.
Zum Vergleich: Der Gewinn ist eine Buchhaltungsgrösse. Freier Cashflow ist echtes Geld auf dem Konto.
Ein negativer freier Cashflow bedeutet, dass ein Unternehmen mehr Geld ausgibt, als es im operativen Geschäft einnimmt. Das fehlende Geld muss beispielsweise durch vorhandene Liquidität oder neue Schulden finanziert werden.
Bei Alphabet ist das nicht deshalb passiert, weil das Geschäft schlecht läuft. Im Gegenteil: Umsatz und Gewinn sind stark. Der freie Cashflow war im vergangenen Quartal negativ, weil das Unternehmen enorme Summen in Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur investierte. Bis vor Kurzem galten die grossen Technologiekonzerne als regelrechte Cash-Maschinen: Sie erzielten hohe Gewinne und enorme freie Cashflows. Jetzt könnte sich das Bild verändern.
Und die Börse? Die Börse bewertet nicht nur die Gewinne von heute, sondern vor allem die künftigen Geldflüsse. Entscheidend ist daher nicht mehr nur das Gewinnwachstum, sondern ob aus den rekordhohen KI-Investitionen später auch nachhaltig steigende freie Cashflows entstehen.
📅 Kalender:
- Rund ein Drittel der S&P500 Unternehmen publiziert Zahlen, zudem findet das Fed-Meeting statt
Mo: Ifo-Index (D), Auftragseingänge langlebige Güter (US), Zahlen: LVMH, AstraZeneca
Di: Konsumentenvertrauen (US), Zahlen: Boeing, Coke, Visa
Mi: Fed-Sitzung, 20.30h Presser (SG Zeit), Zahlen: Sika, UBS, Meta, Microsoft, Procter & Gamble,
Do: BoE Zinsentscheid, BIP (D), KOF-Index (CH), PCE-Inflation, erw. 3.7%, Kernrate 3.3% (US), Nestlé, Apple, Amazon
Fr: Bk of Japan Zinsentscheid, Inflation (J), Detailhandel (CH), Inflation (EU), Chicago-PMI, Michigan Sentiment (US), Zahlen: Holcim, Clariant, Exxon, AbbVie
👨🔬 Quotes:
- „Das wohl am meisten gefürchtete Wort ist negativer Cashflow.” David Tang (1954-2017), HK-Unternehmer, Gründer der Luxusmarke Shanghai Tang
- „Wenn die Arbeit Freude macht, wird das Leben zur Freude. Wenn Arbeit nur Pflicht ist, wird das Leben zur Sklaverei.“ Maxim Gorki (1868–1936), russischer Schriftsteller, Dramatiker und politischer Denker
- „Ich verbringe die Hälfte meiner Zeit damit, mich zu fragen, warum ich so viele Aktien habe – und die andere Hälfte damit, warum ich so wenige habe. Das ist das Dilemma des Anlegers.“ Jack Bogle (1929-2019), Gründer der Fondsgesellschaft Vanguard Group, 1976 legte er den ersten Indexfonds für private Investoren auf
Der KI-Boom ist nicht vorbei, aber er wird anspruchsvoller. Anleger akzeptieren hohe Investitionen nur so lange, wie daraus glaubwürdige künftige freie Cashflows entstehen. Neben Wachstum und Gewinnen rücken freier Cashflow, Verschuldung, Regulierung und Sicherheitsrisiken in den Mittelpunkt. Damit steigen auch die Anforderungen an Analyse, Diversifikation und Risikomanagement. Die Vermögensverwaltung wird aufwändiger.
Mit den besten Grüssen. Einen guten Start in die neue Woche oder erholsame Sommerferien wünscht Ihnen,
Patrick Loser
Double-Quiz - heute auch ein Quiz für die Jüngsten: Ordne die 12 Bilder in die richtige Reihenfolge (siehe pdf).

Quiz für Erwachsene: Wie beim klassischen Sudoku müssen die Zahlen von 1 bis 9 in jeder Spalte, jeder Zeile und in jedem der neun fett umrandeten Blöcke genau einmal vorkommen.

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Lösung Supermarkt: 1 -4 - 8 - 11 - 7 - 10 - 12 - 6 - 2 - 3 - 9 - 5