From the desk of ... der Preis des Geldes
… was treibt Aktienkurse? (sehr vereinfacht)
- Kurzfristig: die Stimmung an den Märkten
- Langfristig: das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne
(UBS-Gewinnschätzungen von +20% im Jahr 2026 und +12% im Jahr 2027, Quelle: UBS, Global Forecast, 4.6.26). Die Prognosen entsprechen weitgehend dem aktuellen Konsens der Analysten.
Ich starte heute mit marktbewegenden Schlagzeilen aus meinen Mails “Wall Street Close” von vergangener Woche:
- Mo, 1.6.: Aktienquote privater US-Haushalte auf Rekordniveau, Bewertung der US-Aktienmärkte nahe historischer Höchststände
- Di: Kapitalerhöhung von Alphabet - künftige Aktienrückkäufe in Frage gestellt - gefällt nicht
- Mi: Broadcom überzeugt nicht, Partners Group begrenzt Rücknahmen, Trump mit neuen Zöllen
- Do: Gewinnmitnahmen bei KI - Wechsel in Gesundheit, Finanz und Konsum stabil
- Fr: Tech-Ausverkauf, SOX -10.3%, neue Zinsangst, wegen starken US-Arbeitsmarktzahlen
Heutige Kernbotschaften:
- Positionierung und Stimmung treiben kurzfristig die Märkte
- der Zins ist zurück als wichtiger Bewertungsfaktor für Aktien
- grosses Warten auf sehr ambitionierte IPOs
Die Kursrückgänge der vergangenen Woche sind kein Zeichen einer schwächeren Wirtschaft - im Gegenteil. Die starken US-Arbeitsmarktdaten und die Aussagen von Lorie Logan, Präsidentin der Fed von Dallas, erinnern daran, dass Bewertungen von Aktien von verschiedenen Faktoren abhängen.
Die Finanzmärkte rechnen inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 72%, dass die US-Notenbank bis Ende Jahr die Zinsen anheben wird (Quelle: Barron’s, upanddown, 6.6.26). Damit scheinen geldpolitische Lockerungsmassnahmen der US-Notenbank vorerst in den Hintergrund zu treten. Steigende Zinsen erhöhen den Diskontierungssatz und treffen insbesondere Wachstumswerte.
Am 13. Januar 2025 habe ich bereits über das
Discounted-Cash-Flow-Modell
geschrieben.
Steigende Zinsen erhöhen nicht nur die Finanzierungskosten von Unternehmen, sondern drücken auch auf den heutigen Wert zukünftiger Gewinne. Besonders betroffen sind Wachstumsunternehmen, deren heutiger Börsenwert stark auf erwarteten Gewinnen in der Zukunft basiert. Steigen die Zinsen, werden diese zukünftigen Gewinne stärker abdiskontiert. Deshalb reagieren KI- und Tech-Werte oft sensibler auf Zinsanstiege als defensivere Branchen (Value-Aktien) wie Gesundheit, Versorgung oder Basiskonsumgüter.
Hier mein Mail vom 13.1.26 (nur für interessierte Leser - Anfang/Ende grün markiert):
Mit dieser Bewertungsmethode werden die künftigen, jährlichen Cash Flows abgezinst (z.B. Cash-Flow der nächsten 1 bis 5 Jahre, dabei ist «r» (der Zinssatz) in der Formel unter dem Bruchstrich, also im Nenner. Je höher der Zins, desto tiefer fällt der abgezinste Cash Flow für die entsprechende Periode aus.
Im Zähler: Cash Flow für Periode 1, 2, 3, 4 und 5
Im Nenner: «r» = Zinssatz

Die Summe der abgezinsten Cash Flows ergibt den hetigen Barwert oder Present Value einer Aktie. Dabei müssen sowohl Abzinsungssatz wie auch die künftigen Cash Flows bestimmt werden. Bei einem höheren Zinssatz fällt der Barwert niedriger, bei einem tieferen Zins höher aus.
Steigende Zinsen wirken sich besonders stark auf den Barwert von Wachstumsaktien aus, da ihre künftigen Cash Flows stärker abgezinst werden.
Zusammenfassung:
- Zukünftige Cash Flows werden auf den heutigen Wert abgezinst
- Je höher der Zinssatz, desto tiefer der heutige Barwert (Present Value)
- Die Summe der abgezinsten Cash Flows ergibt den heutigen «fairen» Wert einer Aktie
- Wachstumsaktien reagieren besonders empfindlich auf steigende Zinsen, weil ein grosser Teil ihres Wertes aus weiter in der Zukunft liegenden Cash Flows stammt
Ende Mail vom 13.1.25
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Wir starten gleich mit den …
News aus den Finanzmedien:
- Matt McAleer, Präsident von Cumberland Private Wealth, sieht die jüngste Schwäche an den Aktienmärkten vor allem als technische Korrektur und weniger als Ausdruck einer sich verschlechternden Wirtschaft. Besonders betroffen seien jene Bereiche, die seit den Märztiefs am stärksten gestiegen sind, etwa Halbleiter, Nuklear- und Raumfahrtaktien. Diese Titel seien schlicht überhitzt gewesen und bräuchten eine Verschnaufpause.
McAleer verweist auf zwei bevorstehende Mega-Börsengänge, Anthropic und SpaceX. Institutionelle Investoren würden bestehende Aktien verkaufen, um Liquidität für diese Transaktionen bereitzustellen. Interessant für Anleger ist seine Erklärung zum Verkaufsdruck. Indexfonds müssten andere Titel veräussern, falls die neuen Unternehmen später in wichtige Indizes aufgenommen werden. Dadurch entstehe «künstlicher Verkaufsdruck», der wenig mit den Fundamentaldaten zu tun habe. Die ersten Verkäufe führen zu Kursrückgängen. Dadurch werden Stop-Loss-Aufträge ausgelöst, Risikomodelle reduzieren Positionen und weitere Anleger verkaufen. Die Verkaufswelle verstärkt sich selbst. Dieser Mechanismus wird selling begets selling genannt (Quelle: Cumberland Private Wealth, Marktkommentar von Matt McAleer, 5.6.26).
- Ein bemerkenswerter Meilenstein im ETF-Markt: Der Vanguard S&P 500 ETF (Ticker: VOO) hat als erster börsengehandelter Fonds überhaupt die Marke von USD 1'000 Mia. verwalteter Vermögen überschritten. Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil der Fonds erst 2010 aufgelegt wurde. Damit hat VOO zwei deutlich ältere Konkurrenten, den iShares Core S&P 500 ETF (IVV) von BlackRock und den SPDR S&P 500 ETF (SPY) von State Street, überholt (Quelle: Barron’s, Grant’s, 6.6.26).
- Steve Blumenthal erinnert in seinem Wochenbericht an eine Rede von Warren Buffett aus dem Jahr 1999, auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie. Buffett argumentierte damals, dass selbst revolutionäre Technologien schlechte Investments sein können, wenn Anleger dafür einen zu hohen Preis bezahlen. Er zog dabei einen Vergleich zu den 60er-/70er-Jahren. Die US-Wirtschaft wuchs zwischen 1964 und 1981 stark, dennoch entwickelte sich der Aktienmarkt kaum, weil die Bewertungen zu hoch waren. Technologischer Fortschritt und Anlageerfolg sind nicht dasselbe. Entscheidend bleibt, welchen Preis Anleger für das erwartete Wachstum bezahlen. Als Beispiel verwies er auf die Autoindustrie: Tausende Unternehmen entstanden, die Branche veränderte die Welt, für viele Investoren endete der Boom dennoch mit Verlusten. (Quelle: On My Radar, Steve Blumenthal, 5.6.26).
- Der sichere-Hafen-Status von Staatsanleihen wird immer mehr hinterfragt. Seit dem Krieg zwischen den USA und Iran sind die Renditen von Staatsanleihen in den USA, GB, D, F und Japan gleichzeitig gestiegen, d.h. Kurse gefallen, in einer Phase, in der sie Schutz bieten sollten. Harald Preissler, Kapitalmarktstratege bei Bantleon, erklärt, dass es aktuell keine Krisenabsicherung mehr gibt, die immer funktioniert. Besonders auffällig sei die enge Verbindung zwischen Ölpreis und Anleiherenditen. Steigende Energiepreise erhöhen die Inflationserwartungen. Wichtig: Nicht jede Krise spricht automatisch für Staatsanleihen, entscheidend ist die Ursache der Krise (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.26).
- Der Aktienmarkt gilt oft als bester Prognostiker der Zukunft. Neue Forschung zeigt, dass Aktienkurse nicht nur von Erwartungen zu Unternehmensgewinnen und Wirtschaftswachstum bestimmt werden, sondern auch von neuen Geldflüssen. Xavier Gabaix, Professor an der Harvard University, und Ralph Koijen, Professor an der University of Chicago, schätzen, dass USD 1 an neuen Geldern den Gesamtwert des Aktienmarktes um USD 3 bis 8 erhöhen kann, mit der Überlegung, dass die neue Nachfrage die Preise aller ausstehenden Aktien treibt. Steigende Kurse sind deshalb nicht zwingend ein Zeichen für bessere Fundamentaldaten. Oft spiegeln sie auch wider, dass mehr frisches Geld in den Markt fliesst (Quelle: The Economist, 2.6.26).
- Die Raumfahrt entwickelt sich laut George Friedman, Gründer von Geopolitical Futures, zu einer der wichtigsten geopolitischen Veränderungen unserer Zeit. Er vergleicht die heutige Entwicklung mit der Entdeckung der Seewege vor rund 500 Jahren, als die Kontrolle über die Ozeane das globale Machtgefüge veränderte. Im sogenannten Low Earth Orbit (200 bis 2’000 km über der Erde) ist die Zahl aktiver Objekte in den letzten zehn Jahren von rund 1’000 auf über 15’000 gestiegen, vor allem dank Starlink von SpaceX. Friedman argumentiert, dass Satelliten, Drohnen und autonome Systeme die moderne Kriegsführung bereits grundlegend verändern - aktuell im Ukrainekrieg feststellbar. Friedman: Raumfahrt, Satellitenkommunikation und Verteidigungstechnologie gewinnen für Investoren langfristig an Bedeutung (Quelle: Thoughts from the Frontline, Geopolitical Futures, 6.6.26).
- DIESES Signal aus der US-Politik gefällt mir (LOP) gar nicht. In den USA wird bereits darüber diskutiert, wer vom KI-Boom profitieren soll. Präsident Trump prüft, ob der Staat Beteiligungen an KI-Firmen wie OpenAI, Anthropic oder SpaceX erwerben soll. Die Idee dahinter: Die Bevölkerung soll direkt an den wirtschaftlichen Erträgen von KI teilhaben. Sam Altman, CEO von OpenAI, unterstützt diesen Ansatz und hatte bereits früher einen staatlichen Vermögensfonds vorgeschlagen. Für mich ein klassischer Fall von: Das Fell des Bären verteilen, bevor er erlegt ist (Quelle: Financial Times, 6.6.26).
- Während Anleger über KI diskutieren, fehlt es der US-Wirtschaft zunehmend an Mechanikern, Elektrikern und Handwerkern. Ford sucht landesweit rund 5'000 zusätzliche Techniker. Gleichzeitig treibt der Boom bei Rechenzentren und neuer Industrie die Nachfrage nach Elektrikern. Allein die US-Baubranche benötigt dieses Jahr schätzungsweise 349'000 zusätzliche Arbeitskräfte. Ford investiert 2026 rund USD 300 Mio., BlackRock stellt USD 100 Mio. für die Ausbildung von Elektrikern bereit und die Lowe’s Foundation investiert USD 250 Mio. in die Förderung von Handwerksberufen. Der Engpass der Zukunft liegt nicht nur bei Chips oder Energie, sondern zunehmend auch bei qualifizierten Handwerkern (Quelle: Wall Street Journal, 6.6.26).
In eigener Sache - mein Tipp: Swisscom informierte mich, dass mein Router ersetzt werden müsse. Das neue Gerät wurde am Freitag geliefert und gleichzeitig das Signal umgestellt. Resultat: Am Freitagabend lief gar nichts mehr - der Handwerker kommt frühestens morgen Montag. Mein Learning: Keine Systemanpassung auf einen Freitag legen, sondern auf Mo oder Di. Yallo liefert nun den Hotspot - auch hier hilft Diversifikation.
Kalender:📅
US-Inflation am Mittwoch und Donnerstag, EZB-Zinsentscheid am Do
- Mo: BIP Q1 (J)
- Di: Industrie-Output (weiterer Rückgang gegenüber Vorjahr?), Handelsbilanz (D),
- Mi: Inflation (China), Konsumentenpreis-Inflation CPI für Mai, erw. 4.2% (US), Zinsentscheid Kanada, Zahlen: Oracle
- Do: Zinsentscheid EZB, Produzentenpreise PPI (US), Zahlen: Adobe
- Fr: Industrie-Output, Inflation (D), Michigan Sentiment (US)
- Sa: Schweizer Nati spielt gegen Katar, San Francisco
Quotes:
- “Wenn Unternehmen und Haushalte sehen, wie andere durch spekulative Käufe und Wiederverkäufe Gewinne erzielen, neigen sie dazu, diesem Beispiel zu folgen. Wenn die Anzahl der beteiligten Unternehmen und Haushalte zunimmt, weitet sich das Verhalten aus und erfasst auch Teile der Bevölkerung, die normalerweise von solchen Spekulationen abgeneigt sind. Dies führt dazu, dass die Motivation für Gewinne aus normalen, rationalen Verhaltensweisen weggeführt wird, hin zu dem, was als «Mania» oder «Blasen» beschrieben wird.» Charles P. Kindleberger (1910-2003), US-Wirtschaftshistoriker und Prof. am MIT, sein Bestseller: «Manias, Panics, and Crashes: A history of financial Crisis
- “What’s Wrong, Warren? - Berkshire’s down for the year, but don’t count it out …after more than 30 years for unrivaled investment success, Warren Buffett may be losing his magic touch” (Quelle: Barron’s Cover, Dec 27, 1999) Auslöser für diesen Artikel war die schwache Performance der Berkshire Hathaway Aktie im Jahr 1999 von -19.9% (S&P500: +21%, per 31.12.99, Quelle: Geschäftsbericht Berkshire, 31.12.22). Was einige Monate später geschah, wissen wir.

Dann sind wir gespannt, welche Herausforderungen die kommende Woche bereithält. Im Fokus stehen - aus heutiger Sicht - die US-Inflationszahlen, die globalen Zinsen und der Börsengang von SpaceX.
Dr. Andreas Höfert sel., ehemaliger UBS-Chefökonom, sagte jeweils: «Dort, wo alle drauf schauen, ist das Risiko relativ klein.»
Oft lösen jene Entwicklungen die grössten Kursbewegungen aus, die heute noch nicht prominent im Fokus der Investoren sind.
Risikomanagement ist eine absolute Notwendigkeit.
Mit den besten Grüssen und einen guten Start in die neue Woche wünscht,
Patrick Loser
Quiz: Wie viele Gläser werden benötigt, um auf dem untersten Brett das Gleichgewicht herzustellen (Quelle: Rätsel Jumbo für Kids, Bassermann, ISBN 3 8094 1439 5)

Wichtiger Hinweis:
Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze. Allfällige Buchabbildungen dienen ausschliesslich der inhaltlichen Referenz im Rahmen der jeweiligen Besprechung.
Lösung:
12 Gläser