From the desk of ... der Bär im Waldrand-Bereich
… die Märkte wirken auf den ersten Blick erstaunlich robust. Gleichzeitig nehmen aber die Schwankungen zu. Auffällig ist, dass gute Unternehmenszahlen nicht mehr automatisch zu steigenden Kursen führen. Die globalen Techkonzerne ASML und Taiwan Semiconductor TSMC präsentierten die vergangene Woche starke Quartalsergebnisse und bestätigten den langfristigen KI-Trend. Trotzdem gerieten beide Aktien nach den Zahlen unter Druck. Das zeigt: Die Erwartungen der Investoren sind inzwischen sehr hoch und es gilt: good, is not good enough! Der Markt beginnt, hohe Bewertungen und Gewinnschätzungen kritischer zu hinterfragen.
China scheint den KI-Wettbewerb zu verschärfen. Alibaba kündigt heute die Lancierung von Qwen 3.8 Max an, während das Start-up Moonshot mit Kimi-K3 am Freitag den Konkurrenzdruck weiter erhöht hat und für Verunsicherung an den Börsen gesorgt hat.
Die steigende Volatilität ist nicht untypisch für “spätere” Phasen von Bullenmärkten.
Wir machen heute einen Blick zurück. Die nachstehende Grafik zeigt den Nasdaq 100 (100 grösste Nicht-Finanzunternehmen der US-Techbörse Nasdaq) während der Dotcom-Blase 1999/2000. Im Jahr 1999 korrigierte der Index gleich viermal mit 10% bis 12%, bevor der Markt nochmals deutlich anstieg und sich sogar bis zum endgültigen Hoch verdoppelte. Die Dotcom-Blase platzte im März 2000.
Graphik: Nasdaq 100 im Zeitraum 1.1.1999 - 22.6.2000 (Quelle: UBS Quotes, mit eigenen Ergänzungen,18.7.26, pdf)

Niemand weiss, ob sich die Geschichte wiederholt. Aber sie erinnert uns daran, dass steigende Volatilität oft ein frühes Warnsignal sein kann.
Ein langjähriger guter Freund, der bei uns auf Besuch war, hat mich motiviert, Börsengeschichten auch einmal mit einem einfachen Bild zu erzählen.
Der Bär ist noch nicht aus dem Wald. Aber er bewegt sich in der Waldrandzone. Noch ist unklar, ob er wieder verschwindet oder tatsächlich auf die Lichtung tritt.
Für Anleger ist diese Situation kein Grund zur Panik. Es ist aber ein guter Zeitpunkt, das eigene Portfolio kritisch zu überprüfen. Und es sollte bereits heute so aufgestellt sein, dass auch eine stärkere Korrektur ohne überstürzte Entscheidungen überstanden werden kann.
‼️ Be Bear Aware
- Entspricht die heutige Aktienquote noch der langfristigen strategischen Vermögensallokation oder ist nach den starken Kursanstiegen ein Rebalancing, d.h. Reduktion von Aktien auf die gewünschte Allokation, sinnvoll?
- Könnte ich bei einer Aktienmarktkorrektur von 20% gut schlafen? Falls NEIN, ist das Risiko im Portfolio vermutlich zu hoch.
- Sind einzelne Aktien oder Themen wie KI und/oder US-Technologie inzwischen zu stark gewichtet?
- Ist genügend Liquidität vorhanden, um eine allfällige Korrektur für gezielte Zukäufe nutzen zu können?
- Ist meine Watchliste auf dem aktuellen Stand?
- Würde ich jede Position im Depot heute zum aktuellen Kurs nochmals kaufen? Falls NEIN, dann verkaufen
- Liquidität, die in den nächsten drei Jahren benötig wird, soll auf dem Konto sein
Wer heute vorbereitet ist, muss später nicht unter Zeitdruck entscheiden.
Heutige Kernbotschaften:
- Gute Nachrichten allein reichen nicht mehr für steigende Kurse
- Steigende Volatilität ist ein Warnsignal - jetzt ist der Zeitpunkt für einen Portfolio-Check
- Unternehmensnachrichten bestimmen nächste Woche die Märkte - am Mi: Alphabet
Die Marktbreite hat sich 2026 verbessert, das ist grundsätzlich positiv. Gleichzeitig zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen im Technologiesektor. Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) hat seit seinem Hoch vom 22. Juni um 20.3% korrigiert und befindet sich damit definitionsgemäss in einem Bärenmarkt.
Noch sehen wir keine Trendwende. Aber der Markt verlangt von den Unternehmen immer mehr. Und genau das ist oft eines der ersten Anzeichen, dass eine Hausse in eine anspruchsvollere Phase eintritt.
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Nachstehende Graphik hat mich beeindruckt. Die Stärke des US-Dollars hängt auch von der KI-Euphorie ab. Internationale Investoren kaufen in grossem Umfang US-Technologieaktien und tauschen dafür ihre Heimwährungen in Dollar. Enttäuscht der KI-Boom, könnten diese Kapitalzuflüsse versiegen – mit negativen Folgen nicht nur für US-Aktien, sondern auch für den US-Dollar (Quelle: Torsten Sloek, Chefökonom, Apollo Management)
Graphik: Netto-Kapitalflüsse in US-Aktien, seit 1995 (Quelle: Apollo Management, 13.7.26)

🗞️ News aus den Finanzmedien:
- Scott Galloway sieht immer mehr Parallelen zwischen dem KI-Boom und der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre. Damals flossen 39% aller Venture-Capital-Investitionen in Internetfirmen und 80% der US-Börsengänge stammten aus diesem Sektor. Viele Unternehmen scheiterten später nicht an der Technologie, sondern an überhöhten Bewertungen und nicht tragfähigen Geschäftsmodellen. Galloway erkennt heute ähnliche Muster. OpenAI verlor 2025 rund USD 21 Mia. und gibt laut ihm für jeden eingenommenen Dollar fast drei Dollar aus. Gleichzeitig hinterfragen immer mehr Unternehmen ihre KI-Ausgaben und verlangen einen klaren Produktivitätsnachweis. Galloway bleibt langfristig positiv für KI, warnt aber davor, Bewertungen mit echtem Unternehmenswert zu verwechseln (Quelle: Scott Galloway, Prof. NYU Stern School, No Mercy / Substack, 17.7.26).
- UBS erklärt den starken Kursrückgang bei Samsung und SK Hynix nicht mit einer Verschlechterung der Fundamentaldaten, sondern vor allem mit der extremen Spekulation in Südkorea. Innerhalb eines Monats wurden gehebelte ETFs auf Samsung und SK Hynix im Umfang von rund USD 140 Mia. gehandelt. Als der KOSPI Index an einem Tag um 9% fiel, kam es zu Margin Calls bei über 1,2 Millionen Depots und zu mehr als 300'000 Zwangsliquidationen. UBS sieht darin einen technischen Ausverkauf und nicht das Ende des KI-Zyklus (Quelle: UBS CIO, Daily Asia, 17.7.26).
- Die Börsen hatten ein starkes Quartal, viele Privatanleger dürften davon aber weniger profitiert haben als der Gesamtmarkt. Während Investmentbanken wie Goldman Sachs, J.P. Morgan oder Morgan Stanley dank der aussergewöhnlich hohen Handelsaktivität Rekordeinnahmen im Aktienhandel erzielten, blieben viele Anleger laut Thomas Peterffy, Gründer und Verwaltungsratspräsident von Interactive Brokers, hinter dem S&P 500 zurück. Der Grund: Häufig wird zu viel gehandelt oder auf einzelne Lieblingsaktien gesetzt, statt breit zu diversifizieren. Selbst die beliebtesten Titel von Robinhood-Kunden wie Nvidia, Apple oder Tesla entwickelten sich seit 2020 schlechter als der S&P 500. Für die meisten Anleger bleiben günstige Indexfonds und langfristiges Investieren die erfolgreichere Strategie. (Quelle: Wall Street Journal, 17.7.26). LOP: Das Schulungsportfolio hat im 2. Quartal +14.3% zugelegt, (Vergleich SMI +11.1%, S&P500 +14.9%), per 30.6.26: +9.9% seit Jahresbeginn, keine Transaktion im 2026
- David Rosenberg, Chefökonom und Gründer von Rosenberg Research, erklärt den Anstieg des S&P500 seit dem Pandemie-Tief von fast +125% vor allem mit der expansiven Geld- und Fiskalpolitik. Seit 2020 stieg die Bilanz der US-Notenbank von gut USD 4'000 Mia. auf rund USD 6'700 Mia., die Geldmenge (M2) von USD 15'400 Mia. auf über USD 23'000 Mia. und die US-Staatsverschuldung von gut USD 23'000 Mia. auf fast USD 40'000 Mia. Rosenberg schätzt, dass rund drei Viertel der Börsenhausse darauf zurückzuführen sind, der KI-Boom erkläre etwa das restliche Viertel. Nun könnten beide Rückenwinde nachlassen. Die Fed reduziert ihre Bilanz und nach den Midterm-Wahlen erwartet Rosenberg eine restriktivere Fiskalpolitik. Für Anleger dürften die nächsten Jahre anspruchsvoller werden als die vergangenen sechs (Quelle: Rosenberg Research, 14.7.26). LOP: siehe Aussage von Druckenmiller bei Rubrik «Quotes»
- Hoisington Investment Management argumentiert, dass die strukturelle Inflation künftig eher im Bereich von 3.5 bis 4.5% liegen dürfte, da die disinflationären Effekte der Globalisierung weitgehend ausgelaufen seien. Deglobalisierung, Reshoring, höhere Verteidigungsausgaben und der Ausbau der KI-Infrastruktur erhöhten den Kapitalbedarf und die Produktionskosten. KI dürfte die Produktivität zwar langfristig steigern, kurzfristig aber wegen hoher Investitionen in Rechenzentren und Energieinfrastruktur eher inflationär wirken. Gleichzeitig steige der Investitionsbedarf, während die US-Sparquote sinke. Das wäre ein Umfeld, das höhere Realzinsen und ein volatileres Zinsregime begünstigen könnte. Aus Sicht von Dr. Lacy Hunt wirken zusätzliche Schulden heute inflationärer als während der Globalisierungsphase, da sie auf begrenztere Produktionskapazitäten treffen (Quelle: Hoisington Investment, 2nd Qtr 2026) LOP: Dr. Lacy Hunt, einer meiner Favoriten. Nicht weil seine Prognose eintreffen muss, sondern weil Lacy Hunt seit über 40 Jahren für sinkende Zinsen stand, nun seine Grundüberzeugung ändert. Das ist für interessierte Anleger eine aussergewöhnlich relevante Entwicklung
Graphik: US 10-jährige US-Staatsanleihen, letzte 10 Jahre (Quelle: Tradingview, 18.7.26)

Markteinschätzungen: nur für Marketingzwecke, keine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten, allgemeine Marktkommentare
- Zwei Anpassungen bei UBS: UBS CIO wird optimistischer für europäische Aktien und stuft die Region auf "Attraktiv" hoch. Die Bank erwartet nach Jahren der Schwäche wieder steigende Unternehmensgewinne. Für 2026 rechnet sie mit einem Gewinnwachstum von +8% gegenüber dem Vorjahr, 2027 sollen die Gewinne nochmals um +15% steigen. Rückenwind liefern eine Erholung der Industrie, eine sinkende Inflation sowie hohe Investitionen in KI, Elektrifizierung und Verteidigung. Gleichzeitig stuft UBS den Schweizer Aktienmarkt wegen seiner starken Kursentwicklung und seines defensiven Charakters auf "Neutral" zurück (Quelle: UBS CIO, Global Equities, 16.7.26).
📅 Kalender:
wenige Makrodaten, Fokus auf Unternehmenszahlen
Mo: Zahlen: Domino’s Pizza
Di: ZEW-Index (D), Zahlen: Charles Schwab, Danaher, 3M, GM, Novartis
Mi: Inflation (UK), Zahlen: Alphabet, Tesla, Philip Morris, GE Vernova, ServiceNow, Lonza
Do: EZB Sitzung, Arbeitslosen-Unterstützung (US), Zahlen: Intel, Lockheed, SAP, Roche, Nestlé
Fr: Inflation (J), Markit-PMI (EU, UK, F, US), Neuhaus-Verkäufe (US), Zahlen: Exxon, NextEra, HCA, SGS, VW
🖋️ Quotes:
- “Der beste Zeitpunkt falschzuliegen, ist dann, wenn man noch Geld in der Tasche hat.” George Brooks, geb. 1937, amerikanischer Börsenveteran
- “Nicht die Unternehmensgewinne bewegen den Markt, sondern die Notenbanken. Konzentriere dich auf die Zentralbanken und die Entwicklung der Liquidität. Tatsächlich ist es die Liquidität, die die Märkte bewegt.” Stan Druckenmiller, Duquesne Capital
Bleiben Sie investiert - aber mit einem Portfolio, das auch schwierige Marktphasen aushält. Die fundamentale Ausgangslage bleibt vorerst konstruktiv.
Sollte der Bär den Wald dennoch verlassen, ist es zu spät, erst dann mit dem Risikomanagement zu beginnen.
Mit den besten Grüssen und einen guten Start in die neue Woche und/oder schöne Sommerferien wünscht,
Patrick Loser
Wichtiger Hinweis:
Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze.