From the desk of ... Bubble-Watch
… die Marktbewegungen im Technologiesektor werden zunehmend extremer und Schlagzeilen in den Finanzmedien erinnern an die Dotcom-Phase. Vor allem KI- und Halbleiteraktien treiben die grossen US-Indizes mit hoher Geschwindigkeit nach oben. Der Nasdaq erzielte zuletzt die beste Sechs-Wochen-Performance seit 2009. Der Philadelphia Semiconductor Index stieg seit Ende März um +54%. Das ist die stärkste 25-Tages-Rally seit März 2000. Gleichzeitig gewannen die zehn besten Nasdaq-100-Aktien gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt +784% (Quellen: Jonathan Krinsky, BTIG, Barron’s, 6.5.26) …
Meine Kernbotschaften:
- selektive Tech-Rally trifft auf starke Unternehmensgewinne
- einige Blasenmerkmale sichtbar, IPO-Welle steht bevor – was bringt sie?
- Risikomanagement bleibt wichtig – wichtiger als blinder Optimismus
… das heisst nicht automatisch, dass der Markt morgen fällt. Aber es heisst, dass Anleger genauer hinschauen sollten.
Gleichzeitig überraschen die Unternehmen fundamental positiv: Rund 84% der S&P500-Firmen übertrafen bisher die Gewinnerwartungen. Das Gewinnwachstum liegt bei starken +27.7% im Jahresvergleich. Das ist der höchste Wert seit dem 4. Quartal 2021 (Quelle: FactSet, 8.5.26).
Genau das macht die aktuelle Situation so speziell. Viele Marktbewegungen wirken wohl extrem, aber gleichzeitig steigen die Gewinne über Erwartungen stark. Ob wir uns in einer Blase befinden, weiss man bekanntlich erst im Nachhinein. Aber die Diskussion darüber nimmt klar zu. Interessant ist deshalb weniger die Frage «Ist es eine Blase?», sondern welche typischen Merkmale aktuell sichtbar werden und welche noch fehlen. Mit diesem Mail versuche ich, etwas Transparenz zu dieser Thematik zu geben.
Nachstehende Graphik: Torsten Sloek, Chefökonom bei Apollo, zeigt in seiner Graphik, dass die zehn grössten Unternehmen im S&P 500 inzwischen 34% aller Gewinne im Index erzielen. 1996 waren es nur 17%. Der Markt ist also viel weniger breit, als es der Name S&P 500 vermuten lässt. Einige Firmen verdienen enorm viel Geld, aber nicht jede KI-Aktie ist Nvidia. Nicht jedes Rechenzentrum wird automatisch ein gutes Investment. Es heisst: wach bleiben (Quelle: Torsten Sloek, Apollo Global Management, 9.5.26).

Die Diskussion über eine mögliche Aktienblase nimmt zu, vor allem wegen der starken Rally bei KI- und Halbleiteraktien. Gleichzeitig betont Jason Zweig, renommierter Kolumnist beim Wall Street Journal, wie schwierig Börsenblasen in Echtzeit überhaupt zu erkennen sind (Quelle: WSJ, 8.5.26).
Laut Owen Lamont, Portfolio Manager bei Acadian Asset Management, gehören vier typische Merkmale zu einer Blase: 1.hohe Bewertungen, 2.starke Kursschwankungen, 3.sehr hohe Handelsvolumen und 4. ein fast schon euphorischer Glaube an „neue Regeln“. Gleichzeitig fehlt aktuell noch ein zentrales Element früherer Blasen: eine Flut neuer Börsengänge und Aktienemissionen (Quelle: Wall Street Journal, Jason Zweig 8.5.26). LOP: …grosse Börsengänge sind aber geplant: SpaceX, Databricks, Anthropic, OpenAI, Stripe, man spricht auch von Kraken, Plaid, Canva oder Anduril Industries, siehe auch unter News aus den Finanzmedien
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
Übertreibungen an den Finanzmärkten zu erkennen, ist schwieriger, als es viele glauben. Wären Blasen einfach identifizierbar, würden sie von allen Marktteilnehmern früh erkannt und könnten sich deshalb kaum entwickeln. Dennoch gibt es einige Kennzahlen und Marktindikatoren, die helfen können, die Wahrscheinlichkeit einer spekulativen Übertreibung besser einzuschätzen und einen Teil der Unsicherheit aus der Analyse zu nehmen.
In den vergangenen Wochen führte ich einige Gespräche über Bewertungen, Vergleiche zur Dotcom-Phase, fehlende Marktbreite und mögliche Übertreibungen. Dabei griff ich immer wieder auf meine persönliche „Bubble-Watch“-Liste zurück, die ich heute gerne mit Ihnen teile.
Bubble-Watch (eine Auswahl):
- Marktbreite (% der Aktien über dem 200-Tages-Durchschnitt, New Highs/Lows)
- Neugeldzuflüsse in Aktien-ETFs, allgemeines Volumen an Aktienmärkten
- M&A und IPO-Aktivität (SpaceX, Anthropic, etc.)
- Zinsentwicklung, insbesondere Realzinsen (Zins – Inflation)
- Gewinnentwicklung der Unternehmen, Tendenz bei Gewinnrevisionen
- Stimmung im Alltag: Wenn Coiffeur, Taxifahrer oder Partys stärker über Aktien als über Sport sprechen
- Gründungsboom neuer Gesellschaften – z.B. LOP Desk & Finance GmbH
- Entwicklung der Kredit-Spreads – insbesondere bei High Yield
- Aktienbewertungen im historischen Vergleich (KGV, Buffett-Indikator, Shiller-CAPE, etc.)
- kreditfinanzierte Aktienkäufe (Margin Debt)
- neue Konto-Eröffnungen bei Retail-Brokern, wie z.B. Charles Schwab
- Liquidität in Aktienfonds: tiefe Cashquote, bei Rücknahmen muss der Fonds Aktien abbauen
- Frühindikatoren der Wirtschaft wie Bankausleihungen, Einkaufsmanagerindex, Stundenarbeitszeiten, etc.)
- Geldpolitik: Zinstrend, Form der Zinskurve sowie Bilanzvergrösserung oder -abbau
Es bleibt sehr spannend … es gilt: Analyse – Strategie – Disziplin
News aus den Finanzmedien:
- Die Benzinpreise in den USA steigen weiter. Der nationale Durchschnittspreis liegt inzwischen bei USD 4.51 pro Gallone (plus 1.54 seit Ende Februar). In Kalifornien kostet Benzin mittlerweile über USD 6 pro Gallone. Die höheren Benzinpreise werden zunehmend auch politisch relevant, weil sie direkt auf Konsum, Inflation und Stimmung der US-Konsumenten wirken. Historisch gelten Benzinpreise über USD 4 als psychologisch kritisch für die US-Wirtschaft (Quelle: AAA, Wall Street Journal, 9.5.26).
- Die grossen US-Techkonzerne, Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta investieren zusammen rund USD 725 Mia. in KI-Infrastruktur. Damit sinkt der freie Cashflow deutlich. Im dritten Quartal werden zusammen nur noch rund USD 4 Mia. freier Cashflow erwartet, nach durchschnittlich USD 45 Mia. pro Quartal seit der Pandemie. Amazon dürfte dieses Jahr sogar mehr Geld ausgeben als einnehmen. Alphabet stoppte erstmals seit 2015 die Aktienrückkäufe und nahm neue Schulden auf. Auch Meta reduzierte Aktienrückkäufe und finanzierte sich über Anleihen. Die hohen KI-Ausgaben belasten damit kurzfristig Cashflow und Bilanzqualität deutlich (Quelle: Financial Times, 8.5.26).
- Der KI-Boom sorgt aktuell für extreme Gewinne bei Speicherchip-Herstellern wie Micron oder Sandisk. Beide Unternehmen erzielen inzwischen rund 80 Rappen Bruttogewinn pro 1 US-Dollar Umsatz, historisch lagen die Margen meist deutlich tiefer. Der Hauptgrund ist die stark steigende Nachfrage nach KI-Rechenleistung und Datenspeicherung. Viele Kunden schliessen heute erstmals Lieferverträge über mehrere Jahre ab, um sich Kapazitäten zu sichern. Das verändert ein traditionell sehr zyklisches Geschäft deutlich (Quelle: Wall Street Journal, 6.5.26).
- Louis-Vincent Gave, Mitgründer und CIO von Gavekal, Hongkong, sieht zwei grosse Trends: China greift westliche Autohersteller technologisch an und Energie wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. In China gibt es inzwischen über 100 Autohersteller. Unter USD 10'000 existieren mehr als 15 Modelle. Gleichzeitig fielen die Kosten für LiDAR-Sensoren (Light Detection and Ranging, Lasersysteme erfassen Umgebung in 3D) laut Gave von rund USD 50'000 auf etwa USD 300. Sicherheitstechnologie wird damit plötzlich zum Massenmarkt. Das bringt Druck auf Margen, den Markenwert und die Preissetzungsmacht westlicher Autobauer. Noch wichtiger findet Gave aber Energie. Der Westen hat die Energiepolitik „auf den Kopf gestellt“ und fokussierte zuerst auf grün und ESG, während die Kosten egal waren. China genau umgekehrt. Erst billig und zuverlässig, dann grün. China produziert heute mehr Strom als USA und Europa zusammen. Tiefe Energiekosten bedeuten tiefere Produktionskosten und damit Druck auf westliche Margen. Gave bevorzugt deshalb Energieaktien, Raffinerien, Kohleminen und Rohstofffirmen. Sein Standard-Portfolio: 60% Aktien, 10% Gold, 30% Energie (Quelle: SIC 2026, Louis-Vincent Gave, Gavekal, Transcript, 4.5.26).
- Chinas Exportwirtschaft bleibt erstaunlich robust. Die Exporte stiegen im April im Jahresvergleich um +14.1%, nachdem das Wachstum im März noch bei lediglich +2.5% lag. Auch die Importe legten mit +25.3% stärker zu als prognostiziert. Die Zahlen zeigen, dass die US-Zölle Chinas Exportmaschine bisher kaum bremsen konnten. Besonders stark bleibt laut Hao Zhou, Chefökonom bei Guotai Junan International, die Nachfrage nach chinesischer Elektronik und Maschinenbau. Gleichzeitig bleibt China stark abhängig vom Exportwachstum, weil die Konsumnachfrage im Inland weiterhin schwach ist (Quelle: Financial Times, 9.5.26).
- Austan Goolsbee, Präsident der Fed Chicago, warnt vor einem möglichen KI-Paradox. Falls der erwartete Produktivitätsschub durch KI kommt, könnten die Zinsen kurzfristig sogar steigen, anstatt fallen. Unternehmen und Konsumenten könnten Investitionen vorziehen, weil bereits heute auf den KI-Boom gesetzt wird. Die Folge: Die Wirtschaft überhitzt und die Inflation bleibt hoch. Noch kritischer wäre laut Goolsbee ein Szenario, in dem die KI-Euphorie zuerst Wachstum bringt, die Produktivitätsgewinne später aber enttäuschen. Dann drohe Stagflation, also schwächeres Wachstum bei gleichzeitig hoher Inflation. Laut einer Analyse der Atlanta Fed konzentrieren sich die KI-Investitionen bisher auf wenige grosse Firmen und sind noch nicht breit abgestützt (Quelle: Barron’s, 9.5.26).
- Scott Galloway glaubt nicht an eine KI-Arbeitsapokalypse mit massivem Jobverlust. Er sieht eher das bekannte Muster früherer technologischer Revolutionen: gewisse Jobs verschwinden, gleichzeitig entstehen neue Aufgaben und höhere Produktivität. Kritisch sieht er vor allem die grossen KI-Firmen. CEOs wie Sam Altman(OpenAI) oder Dario Amodei (Anthropic) würden mit extremen Szenarien auch Angst verkaufen, was Investoren anzieht. Trotz KI-Boom stieg die Zahl der Tech-Jobs in den USA seit 2020 von 8.7 Mio. auf 9.6 Mio. und blieb zuletzt stabil. Viele Entlassungen bei Meta oder Microsoft seien laut Galloway eher Folgen des Überhiring während der Pandemie. Viele Programmierer würden heute weniger repetitiv coden und mehr strategisch denken (Quelle: Scott Galloway, NYU Stern School, „Apocalypse No“, 8.5.26).
- der IPO von Elon Musks SpaceX dürfte am 8. Juni starten. Ein Börsengang der absoluten Superlative. Das Pricing ist für Mitte Juni vorgesehen. Mit einer geschätzten Unternehmensbewertung von rund 1'750 Mia. würde SpaceX etwa in der Grössenordnung von Meta liegen und wäre der grösste IPO der Geschichte, aber mit einem aussergewöhnlich tiefen Free Float von erwarteten 3-5% (Quellen: diverse, Barron’s, Wall Street Journal, Reuters, 2. – 8. Mai 2026)
- Eine Studie über Frauen im obersten 1% der Einkommen in den USA zeigt überraschende Muster. Viele der Topverdienerinnen beschreiben sich nicht als besonders „tough“ oder aussergewöhnlich talentiert. Stattdessen scheint Selbstzweifel oft sogar ein Antrieb zu sein. Entscheidend sei, gemäss der Studie, vor allem der langfristige Ehrgeiz und die Fähigkeit «dranzubleiben». Viele verhandeln Gehälter aktiv, sind sehr wettbewerbsorientiert und sehen sich als lebenslange Lernerinnen (Quelle: Wall Street Journal, 29.4.26).
- Zum Muttertag: Schenk Mama keine Blumen, lass sie das Aktiendepot managen! Studien zeigen, dass Frauen langfristig oft bessere Anlageergebnisse erzielen. Statt Blumen oder klassischer Geschenke solle man Frauen stärker an Finanzentscheidungen beteiligen, z.B. beim Management des Familiendepots. Anlegerinnen investieren oft langfristiger, handeln weniger und gehen Risiken disziplinierter ein. Das könnte gerade in volatilen Marktphasen ein Vorteil sein (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Gunnar Herrmann, 8.5.26).
Kalender:
Do/Fr – Treffen Präsident Donald Trump mit Xi Jinping in China
Mo: Inflation (China), Hausverkäufe (US), Zahlen: Constellation Energy
Di: Inflation (D), Inflation April (März: 3.3%, Kern 2.6%, US)
Mi: BIP 1Q (EU), Produzentenpreise (US), Zahlen: Cisco (wichtig wegen Data Centers, am 12.2.26 hat CSCO enttäuscht, Aktie verlor -12%), Siemens, Allianz, Zürich
Do: Auffahrt – Feiertag, BIP 1Q (UK), Detailhandel April (US), Zahlen: Applied Materials
Fr: Industrieproduktion, NY Fed Manufacturing (US)
Quotes:
-“Wenn wir in Frauen investieren, investieren wir in die Menschen, die in alle anderen investieren.» Melinda French Gates, US-Unternehmerin, Philanthropin
-«Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt die Welt.» William Ross Wallace, amerikanischer Dichter, 1819-1881, aus seinem Gedicht «What Rules the World»
Noch spricht vieles für die Märkte: starke Gewinne, hohe Liquidität und enorme Investitionen rund um KI. Aber je stärker sich Markt, Gewinne und Kapital auf wenige Unternehmen konzentrieren, desto wichtiger wird Risikomanagement (siehe mein Mail vom 28.12.25 “Wenn alles passt”)
Mit den besten Grüssen sowie einen guten Start in die neue Woche und schöne Auffahrtstage wünscht, Patrick Loser
Wichtiger Hinweis:
Die Inhalte in den Mailings «From the desk of ...» sowie «Wall Street Close» stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Es handelt sich um allgemeine Marktkommentare und persönliche Einschätzungen ohne Berücksichtigung individueller Anlageziele, finanzieller Verhältnisse oder Risikoprofile. Anlageentscheide erfolgen ausschliesslich auf eigene Verantwortung. Die Informationen ersetzen keine individuelle Beratung durch zugelassene Finanzdienstleister. Für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Es werden keine Renditeversprechen abgegeben. Der Anbieter erbringt keine Finanzdienstleistungen im Sinne des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG), insbesondere keine Anlageberatung oder Vermögensverwaltung. Das Angebot richtet sich nicht an US-Personen im Sinne der US-Wertpapiergesetze. Allfällige Buchabbildungen dienen ausschliesslich der inhaltlichen Referenz im Rahmen der jeweiligen Besprechung.