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… die Aktienmärkte blicken bereits wieder optimistisch nach vorne, obwohl geopolitische Konflikte und die Inflation noch nicht gelöst sind. Viele Investoren gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Unsicherheit überschritten ist. Entsprechend stark präsentierte sich die vergangene Börsenwoche an den globalen Handelsplätzen.
Der US-Aktienindex S&P500 schloss die 8. Woche in Folge im Plus, dank starker Unternehmensgewinne (84% der Unternehmen übertrafen die Gewinnerwartungen und die künftigen Gewinne wurden angehoben) sowie einer robusten US-Wirtschaft. Der GDPNow-Indikator der Atlanta Fed, ein vielbeachteter Echtzeit-Schätzer für das laufende Quartal, signalisiert aktuell ein annualisiertes BIP-Wachstum von +4.3% für das 2. Quartal.
Trotz dieser starken Zahlen bleibt vieles an den Märkten reine Hoffnung. Und Hoffnung ist bekanntlich keine Anlagestrategie. Unter der Oberfläche nehmen einige Risiken zu, je länger die Strasse von Hormus faktisch geschlossen bleibt.
Heutige Kernbotschaften:
- Starkes US-Wachstum treibt Aktienmärkte: Rekordverdächtige Unternehmensgewinne und robustes BIP-Wachstum stützen den Markt
- Geopolitische Risiken weiterhin hoch - blockierte Schifffahrtswege bergen erhebliche Inflationsrisiken
- Trügerische Wall-Street-Euphorie mahnt zur Vorsicht: Extrem niedrige Cash-Quoten signalisieren Überhitzung
Letztmals habe ich meine Liste der Unsicherheiten und Risiken mit Mail vom 29.3.2026 publiziert. Neu ergänze ich Punkt Nr. 10: die Marktstimmung. Sowohl die jüngste Umfrage der Bank of America (s. News aus den Finanzmedien) sowie der Citi Levkovich Sentiment Index (neu im Euphorie-Bereich, letztmals nach der Pandemie und während der Dotcom-Blase), deuten auf eine Übereuphorie an der Wall Street hin. Solche Signale sollten Investoren ernst nehmen.
Ich erinnere an ein bekanntes Zitat von Warren Buffett: «Sei vorsichtig, wenn andere gierig sind, und sei mutig, wenn andere ängstlich sind.»
Aus der «Unsicherheits»-Liste bleiben insbesondere folgende Punkte im Fokus: Nr. 1 (Strasse von Hormus), Nr. 3 (Inflation, diese Woche wird die PCE-Inflation in den USA veröffentlicht), Nr. 9 (Technische Aktienanalyse, fehlende Breite im Markt), Nr. 10 (Marktstimmung)
Geschätzte Investorin, geschätzter Investor
In den Finanzmedien sind seit Wochen Berichte und Analysen zu den geplanten Börsengängen von SpaceX, Anthropic und OpenAI zu lesen.
Besonders konkret wird derzeit ein Börsengang von SpaceX diskutiert. Er hat das Potenzial, einer der grössten IPOs aller Zeiten zu werden. Barron’s warnt aber: Genau solche Mega-IPOs entwickeln sich oft enttäuschend für spätere Anleger. Historische Daten zeigen, dass viele der grössten US-Börsengänge den S&P500 nach dem ersten Handelstag langfristig klar underperformten.
Ein Update: Die kommenden IPOs von SpaceX, OpenAI und Anthropic zeigen gut, wie wichtig bei Börsengängen die Balance zwischen Chancen und Risiken ist. Einerseits locken starke Wachstumsstories rund um KI und Raumfahrt. Andererseits zeigt genau dieses Beispiel auch die Risiken: SpaceX schrieb 2025 trotz mehr als USD 15 Mia. Umsatz weiterhin hohe Verluste von fast USD 5 Mia. Spannend ist auch, dass Nasdaq den prestigeträchtigen SpaceX-IPO gegen die NYSE (New York Stock Exchange) gewann, weil die Nasdaq ihre Regeln lockerte. SpaceX wird bereits nach 15 Tagen in den Nasdaq 100-Index aufgenommen werden. Das dürfte Milliarden an passiven ETF-Geldern anziehen. Gleichzeitig entsteht Druck auf bestehende Tech-Giganten, weil ETFs und Indexfonds andere Aktien verkaufen müssen, um Platz für SpaceX zu schaffen. Genannt werden unter anderem Apple, Microsoft, Nvidia oder Amazon. Zusätzliche Risiken entstehen nach Ablauf der gestaffelten Lock-up-Periode innerhalb der ersten 180 Tage. Dann dürfen Frühinvestoren und Mitarbeitende weitere Aktien verkaufen, was das Angebot stark erhöht und den Kurs belasten kann. Für Anleger gilt deshalb: Nicht nur die Story zählt, sondern auch Bewertung, Liquidität und Timing (Quellen: Financial Times, 21.5.26; Wall Street Journal, 22.5.26).
Ebenso verweise ich auf mein Mail vom 10.5.26, in dem ich meine «Bubble Watch» Aufstellung im Detail beschrieb; zusätzlich mit einer Einschätzung von Portfolio Manager Owen Lamont, Acadian Asset Management (vier typische Merkmale zu einer Blase). Seine Schlussfolgerung: Es fehlt noch ein zentrales Element: eine Flut von neuen Börsengängen und Aktienemissionen. Stay tuned.
Nun zu den …
News aus den Finanzmedien:
-Die aktuelle Fondsmanager-Umfrage der Bank of America signalisiert eine ausgesprochen aggressive Positionierung institutioneller Anleger. Die globale Aktienallokation sprang im Mai von netto +13% im Vormonat auf ein Übergewicht von satten 50%. Das ist der stärkste monatliche Anstieg seit Beginn der Datenerhebung. Gleichzeitig sank die Liquiditätsquote von 4.3% auf 3.9%. Damit unterschreitet sie die psychologisch wichtige Marke von 4%, was bei der Bank of America als antizyklisches Warnsignal (Contrarian-Signal) gewertet wird. Zudem gilt das Übergewicht bei globalen Halbleiteraktien mittlerweile für 73 % der Befragten als der weltweit am stärksten überlaufene („most crowded“) Trade. Im April lag dieser Wert noch bei 24 %. (Quelle: Bank of America, Fund Manager Survey, 20.5.26). LOP: die tiefe Liquiditätsquote ist ein Warnsignal für eine Blase (siehe Mail «From the desk of … Bubble Watch, vom 10.5.26)
Ergänzend: Der Citi Levkovich Sentiment Index notiert laut Citigroup im «Euphorie-Bereich» – ein Niveau, das zuletzt während der Dotcom-Blase und nach der Pandemie erreicht wurde (Quelle: Wall Street Journal, 21.5.26, mein Mail vom 22.5.26 Wall Street Close)
-Bereits vor 15 Jahren prognostizierte Peter Turchin eine Phase politischer Instabilität in den USA und Westeuropa für die 2020er-Jahre. Seine Warnung beruht auf zwei Treibern. Wenn sich Wohlstand zunehmend an der Spitze konzentriert, während breite Bevölkerungsschichten stagnieren, wachsen soziale Spannungen. Verschärft wird dies durch eine sogenannte „Elite-Überproduktion“, d.h. zu viele ambitionierte Menschen treffen auf zu wenige Machtpositionen. Das führt zwangsläufig zu einer Polarisierung und zu Konflikten. Turchin zieht historische Parallelen zu Rom, Frankreich oder den USA vor dem Bürgerkrieg. Politische Instabilität, Ungleichheit und Populismus dürften langfristig zunehmend Einfluss auf Märkte, Staatsverschuldung und Investitionen haben (Quelle: Strategic Investment Conference 2026, Mauldin Economics, Peter Turchin, Autor von „End Times“).
-Barron’s berichtet, dass OpenAI seine Premium-Version von ChatGPT stärker in Richtung Finanzberatung ausbauen will. Nutzer mit einem Abo von USD 100 bis 200 pro Monat sollen künftig ihre Finanzkonten direkt mit ChatGPT verbinden können. Unterstützt wird die Lösung vom Fintech-Unternehmen Plaid, das bereits Schnittstellen für Apps wie Venmo oder Robinhood bereitstellt. Ziel ist es, Nutzern personalisierte Hinweise zu Ausgaben, Sparen oder Vermögensplanung zu geben. Der Schritt zeigt, wie stark KI zunehmend auch in klassische Bereiche der Vermögensverwaltung und Finanzberatung vordringt. Gleichzeitig dürfte die Diskussion über Datenschutz, Haftung und die Qualität solcher Empfehlungen weiter zunehmen (Quelle: Barron’s Advisor, 22.5.26).
-KI dürfte nicht ganze Branchen zerstören, aber innerhalb vieler Branchen klare Gewinner und Verlierer schaffen. Unter Druck geraten laut Investoren vor allem Softwarefirmen mit austauschbaren Produkten und einfachen Standardfunktionen. KI kann viele dieser Aufgaben günstiger oder direkt integriert übernehmen. Chancen sehen Investoren dagegen bei Firmen mit eigener Datenbasis, starkem Branchenwissen oder kritischer Infrastruktur. Orlando Bravo, Gründer von Thoma Bravo, sieht besonders Cybersecurity weiter als Gewinner, weil Unternehmen sich stärker gegen KI-basierte Angriffe schützen müssen. Insgesamt verschiebt sich der Fokus der Anleger zunehmend auf die Frage, welche Firmen KI am besten nutzen können, um effizienter zu werden und Marktanteile zu gewinnen (Quelle: Moses Sternstein, Random Walk / a16z, 22.5.26).
-Die Bondmärkte reagieren zu mechanisch auf den Ölpreisschock.“ Dave Rosenberg, CIO Rosenberg Research, argumentiert, dass Zentralbanken einen angebotsseitigen Energieschock nicht einfach mit Zinserhöhungen lösen können. Entscheidend sei vielmehr, ob Inflationserwartungen entankern. Die marktimplizite 5-Jahres-Inflation sei zwar gestiegen, aber noch weit entfernt von der Panikphase 2021/22. Das lasse Spielraum für eine weniger aggressive Fed. Rosenberg sieht den Konsumenten zunehmend unter Druck. Seit Ende Februar haben höhere Energiepreise bei US-Haushalten zu einer zusätzlichen Budgetbelastung von USD 320 pro Haushalt geführt. Das ist eine implizite „Steuer“ von total über USD 40 Mia. Gleichzeitig steigen Kreditkartenschulden und Ausfallraten wieder Richtung 5%, erstmals seit 2017 (Quelle: Rosenberg Research,19.5./20.5.26). LOP: Die Benzinpreise unterscheiden sich zwischen den US-Bundesstaaten jedoch stark – unter anderem wegen unterschiedlicher Steuern. Die höchsten Benzinsteuern haben CA 71cts/Gallone und Pennsylvania 58cts und die tiefsten Alaska 9cts und Arizona mit 19cts (Quelle: USA Facts, 19.5.26)
-Liz Ann Sonders, Leiterin Anlagestrategie, Charles Schwab, spricht über Verhalten und Disziplin beim Investieren. Der grösste Fehler vieler Anleger ist, ohne Plan zu investieren. Ihr bildlicher Vergleich: Entscheidend ist nicht das letzte Puzzleteil, sondern das Bild auf der Schachtel. Junge Anleger überschätzten zudem oft ihre Risikotoleranz. Wer bei Kursverlusten von -15% panisch verkauft, sei faktisch nicht risikotolerant. Klar warnt sie auch vor der Vermischung von Investieren und Glücksspiel, etwa bei kurzfristigem Trading oder spekulativen Social-Media-Trends. Investieren bedeute, produktive Vermögenswerte (in Unternehmen investieren) und zukünftige Cashflows zu besitzen – nicht auf schnelle Gewinne zu hoffen. Bei KI sieht sie langfristig Vorteile für Menschen, die lernen, effizient mit der Technologie zu arbeiten. Eine sinnvolle Anpassungsfähigkeit sei wichtig (Quelle: Strategic Investment Conference, 6.5.26, Liz Ann Sonders). LOP: Kernportfolio mit 85-100% des Vermögens für langfristige Investitionen und allenfalls ein/zwei Satelliten von total 0-15% für Spekulationen/kurzfristiges Trading und damit Erfahrungen sammeln – mit Verlaub: Underperformance garantiert
-Meteorologen warnen vor einem möglicherweise aussergewöhnlich starken El Niño, der laut aktuellen Modellen historische Ausmasse erreichen könnte. El Niño verändert globale Wetter- und Niederschlagsmuster und gilt als wichtiger Treiber für Dürren, Ernteausfälle, Hitzewellen und wirtschaftliche Verwerfungen. Besonders betroffen wären Indien, Südostasien, Australien und Teile Afrikas. Der aktuelle El Niño trifft auf bereits hohe Energiepreise, Düngerknappheit infolge der blockierten Strasse von Hormus sowie fragile Lieferketten. Mehrere Modelle prognostizieren aktuell Temperaturabweichungen von bis zu +3 Grad Celsius im Pazifik – stärker als bei den grossen El-Niño-Ereignissen 1982, 1997 und 2015 (Quelle: New York Times, 21.05.2026).
-Wird Powernapping bald zu einer neuen Sportart. Menschen legen sich mittags kurz hin, schlafen 20 Minuten und sind danach wieder fit. Das funktioniert nicht bei allen. Statt Erholung dreht sich das Gedankenkarussell weiter. In Seoul fand bereits zum dritten Mal ein offizieller Powernap-Wettbewerb statt. Gemessen wurden unter anderem Herzfrequenz und Einschlafqualität. Gewonnen hat ein 80-Jähriger. Heute kann selbst Schlaf optimiert, trainiert und wettkampfmässig betrieben werden. Das ist heutiger Zeitgeist: Leistung, Selbstoptimierung und Produktivität machen längst nicht mehr vor dem Schlafzimmer halt (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.5.26).
Kalender:📅
ruhige Woche – theoretisch
Mo: Memorial-Day – US-Börsen geschlossen
Di: Konsumentenvertrauen, Case-Shiller Index (US)
Mi: Zahlen: HP, Agilent, Marvell Tech, Salesforce (Software: Wall Street beobachtet skeptisch, wie stark der Einfluss von KI ist)
Do: PCE-Inflation für April, erw. 3.8%yoy, Kernrate, erw: 3.3% (März 3.2%), Dauerhafte Güter, BIP Q1, Neuhaus-Verkäufe (US), Zahlen: Costco, Dell, Dollar Tree, Kohl’s
Fr: Inflation (J), Inflation, Arbeitsmarkt (D), Chicago PMI (US)
Quotes:
- «An der Wall Street wird derjenige, der seine Meinung nicht ändert, bald kein Kleingeld mehr zum Wechseln haben.“ William D. Gann, Trader, technischer Analyst und Autor (1878–1955)
- «We live in a world of mobile technology, but it is not the device that is mobile. It is you.» Satya Nadella, CEO, Microsoft
- “Die Angst vor Schwankungen führt zum garantierten Verlust!” Prof. Dr. Erwin Heri, Titularprofessor für Finanzmarkttheorie an der Uni Basel, ehem. Schweizerischer Bankverein, verantwortlich für das Fondsgeschäft und die Anlagestrategie, Video-Plattform Fintool, Förderung der Finanzkompetenz (Quelle: NZZ am Sonntag, 24.5.26) Bücher: Die acht Gebote der Geldanlage (Zusammenfassung: NZZ, 30.3.2024) oder Was Anleger eigentlich wissen sollten
Entscheidend bleibt, zwischen freundlichen Fundamentaldaten, wie solidem Wachstum und starken Gewinnausweisen, aber auch spekulativer Euphorie zu unterscheiden. Gerade in einer Phase mit gleichzeitig erhöhten Chancen und Risiken gewinnen Disziplin, Diversifikation und konsequentes Risikomanagement an Bedeutung.
Mit den besten Grüssen und wieder einen guten Start in die neue Woche.
To my dear friends in the US: 🇺🇸Wishing you a wonderful and happy Memorial Day barbecue! 🍔
Patrick
Wichtiger Hinweis:
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